Elternglück

Vor geraumer Zeit kam ich mal in ein Zimmer unseres ehemaligen Hauses, da sah es aus wie Sau. Die Gründe waren schnell eruiert: Meine beiden Söhne, im lustigen Alter, in dem man die Vorzüge einer gewissen Grundordnung noch nicht so recht zu schätzen weiß. Zum Beispiel unerhebliche Tatsachen wie schnellere Auffindbarkeit von Gegenständen, die man gerade braucht. Mal ganz abgesehen vom ästhetischen Erleben, was indes bekanntermaßen sehr unterschiedlich sein kann. So manch einer fühlt sich in einem aufgeräumten Umfeld gleich als monströs spießig und kreativer Vollidiot. Aber das nur nebenbei. Das Chaos war dann zum Ausgleich trotz herrlichstem Sonnenschein auch noch mit allen Deckenleuchten korrekt klimafreundlich in Szene gesetzt. Hätten wir nicht einige LED Leuchtmittel, wäre vermutlich die Raumtemperatur messbar gestiegen. Also was tun?

Keine Frage: Erziehung. Die Jungs rufen, drum bitten, mehr oder weniger mit Nachdruck, doch erstens nicht immer diese Entropie mit aller Kraft voranzutreiben und vor allem zweitens jetzt: Aufräumen! Und ach ja: Das Licht nicht überall zwanghaft einschalten und brennen lassen. Ich erinnere mich: Gefühlte 100 mal habe ich unserem Älteren das kleine Büchlein über die Stromfresser vorgelesen, irgendwie in der naiven Hoffnung, dass etwas von der Aussage des Buches hängenbleibt. Um das zu ermöglichen, habe ich natürlich die Geschichte noch kommentiert und geduldig seine Fragen immer wieder beantwortet (sofern ich dazu in der Lage war). Genutzt hat dies alles nichts. Da erzähl mir einer, wie großartig Kinder lernen, wie leicht und spielerisch. Mumpitz. Im Allgemeinen ja, in vielen spezifischen Punkten: Nein.
Ich für meinen Teil komme zu dem Ergebnis: Erziehung in diesem Sinne macht mir keinen Spaß: Immer wieder auffordern, eingrenzen, ermahnen, machmal blöde drohen, weil mir auf die Schnelle nicht wirklich etwas Klügeres einfällt. Sagen wir so: Das Ergebnis lässt sich bisher wirklich sehen, ich bin stolz auf die beiden. Sie sind großartig und ich glaube allen Ernstes, dass das auch was mit unserer elterlichen Erziehung zu tun hat, vermutlich deshalb, weil wir als Eltern konsequent versuchen, das (vor) zu leben, was uns wichtig ist. Aber all das ändert nichts daran, dass ich diese immer wiederkehrenden Erziehungsaufgaben nicht wirklich erfüllend finde.
Und genau im Moment der eingangs beschriebenen Szenerie fällt mir auf: Wie kann es erwachsenen Menschen noch irgendwie sinnvoll erscheinen, andere erwachsene Menschen, die ihnen in der Arbeit unterstellt sind, ständig erziehen zu wollen? Oder was ist Micromanagement sonst? Wieso sind die nicht glücklich, sich diese Mühsal endlich sparen zu können oder die Verantwortung dieser Aufgabe erst gar nicht zu haben? Warum nicht endlich diese Eltern-Kind Spiele sein lassen? Unseren Kindern gegenüber haben wir eine Aufsichts- und Fürsorgepflicht. Die ergibt sich ganz natürlich und logisch daraus, das Kinder nun mal nicht alle Konsequenzen ihres Handelns und der Welt im Allgemeinen überblicken können. Das fällt ja oft genug uns selbst schwer. Ich erinnere mich an die Laisser-faire Versuche der Mutter eines alten Schulfreundes bei der Erziehung seiner Schwester. Das Ergebnis: Durch und durch kariöse Zähne, weil die Gute natürlich keine Lust hatte, selbige zu putzen. Soviel zur Weisheit der Kinder.
Heute hingegen putzt sich jeder, der nicht in irgendeine Psychopathologie verstrickt ist, selbstverantwortlich freiwillig die Zähne. Und hat, wenn er oder sie nicht aufgrund einer gründlich misslungenen Erziehung in den ersten Jahren der Kindheit zum A-Sozialen mutiert, ein natürliches Verständnis von Gemeinschaft. Davon, dass wir Geben und Nehmen in einem natürlichen Gleichgewicht halten müssen, wenn wir weiter Teil dieser Gemeinschaft bleiben wollen. Und gleichzeitig strebt jeder von uns ganz natürlich danach, sein Leben selbst in die Hand zu nehmen. Selbstbestimmt und gleichzeitig verantwortlich anderen gegenüber zu entscheiden ist ein Ausdruck psychischer Gesundheit. Im Privatleben gehen wir komischerweise einfach davon aus. Ausnahmen bestätigen die Regel.
Da komme ich nur zu einem Schluss: Wir müssen uns die zwanghaften Manager als glückliche Eltern vorstellen. Die es als große Herausforderung sehen, eine Teufelsbrut rotzfrech-dämlicher Gören täglich lenken zu müssen. Hut ab!
Herzliche Grüße
Andreas

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