Im Dialog: Purpose liegt im Menschen, nicht in Organisationen

Freiheit & Purpose

Nach dem Dialog Der Einfluss von Purpose auf die Handlungsvarianz von Organisationen mit Karsten Schnelle von Otto, meldete sich unser Partner und Autor Bodo Antonic kritisch zu Wort. Er schickte mir eine Sammlung von fünf Kernaussagen zu dem weiterhin häufig genutzten Begriff – und da kam schnell die Idee, das ebenfalls gemeinsam zu reflektieren.  

Andreas: Bodo, bevor wir zu Deinen Kernaussagen im Detail kommen, interessiert mich, was Dich an dem eingangs erwähnten Dialog über Purpose motiviert hat, eben jene Kernaussagen zusammenzufassen und mit mir darüber ins Gespräch zu gehen. Gab es im Dialog mit Karsten bestimmte Punkte, die Dich angesprochen oder gestört haben, oder liegt es eher an dem bald inflationär gebrauchten Purpose Begriff, oder alles, oder ganz was anderes?

Sinnsuche ist menschlich

Bodo: Hallo Andreas, erst einmal Danke für die Möglichkeit, mich mit Dir austauschen zu können. Mit deiner Frage sprichst Du gute Punkte an. 

Es sind gleich mehrere Aspekte, die mich seit Jahren gedanklich treiben, mich immer wieder zu diesem Punkt kommen lassen. Wie jeder andere Mensch auch, frage ich mich natürlich nach dem Sinn von diesem oder jenen, bis hin zum Sinn des Lebens an sich. Ich denke, daß dies völlig normal ist. Hinzu kommt, daß ich ein an sich grundfauler Mensch bin. Daraus ergeben sich sehr schnell die Fragen “Warum soll ich dies oder jenes machen?” bzw. “Was für einen Sinn macht es, dies oder jenes zu machen?”. Als pubertierender Junge war die Frage wunderbar dazu da, erst einmal alles in Frage zu stellen, denke bitte dabei wirklich an ganz profane Dinge wie den Müll oder den Geschirrabwasch. Nun war ich nicht nur renitent, sondern habe mir wie jeder Andere auch, die ein oder andere Sinnfrage gestellt.

Purpose Altmeister Viktor Frankl
Viktor Frankl, Entwickler der Logo-Therapie

Spannend wurde das Ganze, als ich während meiner Coachingausbildung die Frankl´sche Logotherapie kennenlernen durfte. Hier spielt das Thema Sinn eine sehr bedeutende Rolle. Nun habe ich also Frankl und den Sinn und seine therapeutische Relevanz kennenlernen dürfen, so wie auch das Pink´sche Motivationsmodell mir mit seinem Element des “Purpose” sehr gut gefiel. So weit, so gut.

Und dann kam diese ganze Internet-Purpose-Blase. Jeder, bitte verzeihe mir die harten Worte, jeder bessere Rülps meint nun etwas zu dem Thema salbadern zu dürfen. Es ist mittlerweile ein Riesenhype entstanden, jeder, der das Wort auch nur ansatzweise richtig buchstabieren kann, meint etwas dazu beitragen zu können. Du merkst, ich ärgere mich. Meaning (Sinn) im Sinne Frankls wird mit Purpose gleichgesetzt und der wunderbare Ausdruck “Sinn” wird wird dabei verzehrt, als ob es sich um einen Fast Food-Fleischklops für 1 Euro handeln würde. Ich wünsche mir, daß wir der Diskussion wieder ein solides Fundament geben, dort hinkommen, daß wir Sinn und Meaning gleichsetzen, aber von Purpose abgrenzen. Du sprachst Karsten an. Ja, da gab es einen Punkt, der mich antriggerte:

[…] geht es also um die Bestimmung der übergeordneten Werte, zu deren Verwirklichung die Unternehmung mit ihren Zielsetzungen und Aktivitäten beitragen soll.” […] 

Daraus leitet Karsten, so ich ihn richtig verstanden habe, unter Anderem die Sinnhaftigkeit des Begriffs Purpose in der Übersetzung “Sinn und Zweck” ab. Das kann man machen, ich plädiere jedoch nachdrücklich, dies nicht zu tun. Ich möchte aus ganz gewissen Gründen, auf die wir nachher vielleicht noch zu sprechen kommen, Organisationen als unminded Systems beschreiben und meine ihnen daher in Anlehnung an Frankl eben nicht die Fähigkeit zur Sinn-Konstruktion zuschreiben zu wollen.

Andreas: Das würde ich gerne erst einmal sortieren. Zunächst möchte ich einen wichtigen Punkt festhalten: Du fragst wie viele andere Menschen auch immer wieder mal nach dem Sinn – im Kleinen wie im Großen. Du bist also kein hartgesottener Materialist, der uns Menschen auf biologische Automaten reduziert und den grundsätzlichen Sinn von Sinnfragen für obsolet erklärt. Im ersten Schritt interessiert mich, welche Interpretation des Begriffs Sinn Dich stören. Ich vermute, dass das auch mit Deiner Ausbildung basierend auf Frankls Logotherapie zusammenhängt, wie Du ja schon angedeutet hast. 

Materialismus bietet keinen Purpose
Materialismus als konsumtiver Entwurf

Bodo: Bevor ich gerne das Thema Sinn aufnehme, eine kurze Bemerkung. Nein, ich sehe mich nicht als ausdrücklichen Materialisten. Für mich ist Materialismus ein äußerst schwieriger gesellschaftspolitischer, weil zutiefst unbefriedigender und konsumtiver Entwurf. Nach meinem Verständnis ist Materialismus genau dort möglich, wo ein Sinnvakuum besteht und dieses mit Surrogaten aufgefüllt wird. Platt gesagt heisst das, dass ich mir halt ein Auto kaufe, also Materie erwerbe, anstatt mich nach meinem Sinn zu fragen… anstatt diesen in meinem Hirn zu kreieren, diesen zu suchen und zu finden, um daraus dann mein Glück zu ziehen. Vom Materialismus unterscheidet sich nach meinem Verständnis der Kapitalismus hingegen dadurch, daß es ihn nach Disruption und Innovation dürstet und eben nicht nach Materie. Ich bin damit weitaus mehr auf der Linie von Maturana und Schumpeter, als dass ich der guten alten Kampfrhetorik der Altlinken folge.

Andreas: Das finde ich zur Verortung Deiner Person, zum besseren Verständnis, wer hier mit mir diskutiert sehr hilfreich, Danke. Und jetzt zurück zu meiner Frage!

Purpose, Sinn & Zweck – ein Begriffssumpf

Bodo: Was mich stört, sind wahrscheinlich zwei Dinge. Erst einmal der unsaubere sprachliche Umgang mit den Dingen. Wir kennen im Deutschen die Begriffe Sinn und Zweck. Im Englischen hingegen die Begriffe Purpose und Meaning. Nun bin ich sicher der Letzte, der der AfD-nahen und deutschtümelnden Fraktion “Rettet die deutsche Sprache” zuzurechnen ist. Jedoch gebe ich nachdrücklich zu bedenken, daß das englische Purpose anders verwendet wird, als das deutsche Wort Sinn. Noch direkter will ich sagen, daß wir den im Englischen verwendeten Begriff Purpose nicht im Deutschen einfach mal so mit Sinn übersetzen dürfen, wo es den Begriff Meaning gibt. Sprache ist komplex und ganz wunderbar, aber wiederum und auf die Gefahr, dass ich mich wiederhole, will ich darauf hinweisen, dass Sprache eben kein ordinärer 1-Euro-Burger ist, sondern mit Bedacht und Genuss genutzt und – um im Bild zu bleiben – verzehrt werden sollte. Mein Plädoyer geht also dahin, daß wir im Deutschen die Worte Sinn und Zweck und nicht den deckungsgleichen Begriff Purpose nehmen sollten. Sprachliche Reinheit erzeugt Klarheit in der Diskussion.

Andreas: Da bin ich voll und ganz bei Dir. Ich finde es gerade im Zusammenhang mit unseren Transformationsthemen hochgradig wichtig, eine möglichst präzise Sprache zu entwickeln. Ich bin sogar davon überzeugt, dass ein Teil der Misserfolge und Probleme bezüglich einer partizipativen Zukunft der Arbeit in mangelnder sprachlicher Genauigkeit liegt; darin, dass einfach nach Belieben Begriffe durch die Gegend gewirbelt werden, wenn sie denn nur gerade der eigenen Vermarktung dienen – egal ob im Innen- oder Außenverhältnis. So wird ja fast nur noch von Transformation gesprochen, wo es sich doch viel eher um einen Change handelt, was eben damit zusammenhängt, dass es viel zu oft gar keine klare Definition dieses Begriffs gibt. Oder es wird von Hierarchielosigkeit gefaselt, wo es alleine schon formal-juristisch sehr wohl noch Hierarchien gibt – die sogar dazu berechtigen, etwaige Selbstorganisationen in Kürze zu pulverisieren. Also: Danke für die Anmerkung. Darüber hinaus, was stört Dich so an der Purpose Diskussion?

Purpose: Drei verschiedene Sinne

Bodo: Ja, Schluss mit dem Vorgeplänkel, nun endlich zur eigentlichen Frage *lacht*. Frankl definiert 3 Sinne: Den des Erschaffens, des Miteinanders und der Transzendenz. Punkt. Solange der Altmeister des Sinns dies so definiert hat und solange wir nichts Besseres haben, empfehle ich dringend, mit diesem Modell zu arbeiten. So man das ganze Thema ein wenig breiter aufstellen will, kann man noch das Pink´sche Motivationsmodell nutzen, das Ergebnis bleibt qualitativ das Gleiche. Aber lass uns bei Frankl bleiben. Er sagt also, daß es drei Sinne gibt. Und er sagt, daß die Bedeutung des Sinns ist, das individuell empfundene situative Leiden zu kompensieren. Wir geben einer Situation also einen Sinn, wir Menschen, mit unserem Hirn. Wir konstruieren Sinn, um weniger zu leiden. Ein Beispiel könnte sein, daß wir den Sinn des Erschaffens konstruieren, während wir eine Kirche bauen, während wir unseren Buckel krumm schaffen, um die Schmerzen im Rücken zu kompensieren. Oder wir entwickeln den Sinn der Transzendenz, um als Arzt/Ärztin/Krankenschwester es ertragen zu können, daß Menschen sterben. Für uns Eltern: Wir erzeugen Sinn für unsere Kinder, um sie durch das Leid des Lernen-müssen hindurch zu begleiten, indem wir ihnen sagen, daß es ihnen dann einmal gut gehen wird.

Andreas: Da stecken zwei fundamental wichtige Aspekte drin: Erstens, Sinn ist eine Konstruktion. Sie ist nichts, was in irgendeiner Weise objektivierbar ist. Deshalb kriege ich auch immer den Föhn, wenn ich das Wort Sinnstiftung höre. Niemand kann einem Anderen Sinn stiften, mithin sagen, was für ihn sinnvoll zu sein hat. Wir können immer nur Angebote aussprechen. Deshalb finde ich den Begriff der Sinnkopplung viel trefflicher. Da beschreibt der Unternehmensberater Gebhard Borck den Kopplungsmechanismus zwischen zwei Entitäten. Die eine Seite macht ein Angebot, die andere nimmt es an und erlebt eine sinnhafte Kopplung – oder eben auch nicht. 

Aaron Antonovsky noch ein Altmeister des Sinns
Artikel über Antonovsky im Ärzteblatt

Zweitens, wir konstruieren diesen Sinn, um Leiden zu kompensieren. Da würde ich neben Frankl noch Aaron Antonovsky ergänzen wollen, der mit seiner Salutogenese, ein Rahmenwerk geschaffen hat, wie wir gesund bleiben. Dort ist einer der zentralen Elemente der Sense of coherence, das Kohärenzgefühl. Ohne das jetzt hier weiter auszuführen, ist ein wichtiger Aspekt dabei das (Nicht)Erleben von Sinn. Nur wer eine ausreichend starkes Kohärenzerleben hinsichtlich seines Lebens im Allgemeinen entwickeln und aufrechtherhalten kann, wird auf Dauer nicht krank, wobei Letzteres ganz verschiedene Formen annehmen kann. Genug von mir, mach mal weiter!

Sinn ist eine individuelle Konstruktion und kompensiert Leid

Bodo: Gerne! Ich ärgere mich so über diesen ganzen purpose-driven Quatsch aus folgendem Grund: Zum einen sagt Frank sehr eindeutig, daß nur Menschen zur Sinn-Konstruktion in der Lage sind, denn es braucht ein menschliches Hirn, um dies leisten zu können. Und da ich noch nie eine Herr oder Frau Firma traf, sondern immer nur auf nicht-behirnte soziale Organisationen, lehne ich es zutiefst ab, von Firmen zu verlangen, daß sie Purpose-driven sind. Ich als Vorgesetzter, Mitarbeiter, Kollege kann Sinn-getrieben sein und mit meiner Umwelt nach Sinn suchen und diesen versuchen zu konstruieren, aber ein totes juristisches Gebilde kann das nicht.

Verlangen wir also bitte nicht von Firmen, wozu wir als Menschen verpflichtet sind. Bodo Antonic

Weiter geht’s im Text. Sinn ist gemäß der Frankl´schen Formel das Kompensat zum Leid. Und wenn ich nun alle nach Sinn schreien höre, könnte man doch glatt meinen, daß das Leben aller Menschen in den Industrienationen zutiefst mit Leid aufgeladen ist. Klar, es ist auch wirklich ein schlimmes Leben. Warme Büros, nette Kollegen, gute Kantinen, nicht-körperliche Arbeit. Seltsamerweise fragen die Muskelarbeiter, die ich kenne, nicht ständig nach Sinn. Wieso fragen wir Kopfarbeiter also tendenziell nach Sinn? Ist unser Leben so sinnlos? Dann würde ich doch empfehlen wollen, sich gefälligst einen Sinn zu suchen, nicht zu warten, bis endlich eine der Firmen, die dazu gar nicht in der Lage sind, mir freundlicherweise einen Sinn anbietet. Frankl hat sein Sinn-Konzept im KZ im Angesicht der Gaskammer entwickelt und hat es geschafft, die Situation zu überleben, indem er erkannte, daß die Nazis ihm seine Physis hätten nehmen können, aber niemals die Fähigkeit zur Sinnkonstruktion. Wenn also die Fähigkeit zur Sinnkonstruktion eine lebenssichernde Fähigkeit ist, würde ich diese niemals einem anderen Menschen, geschweige denn einer nicht-lebenden juristischen Person überlassen, sondern ganz brav bei mir belassen. Sinn ist nicht etwas, was man angeboten bekommt und dann konsumiert. Das wäre ein zutiefst materialistisches Verständnis von Sinn und würde uns nur in die Sinn-Falle eines nach ständig Sinn-Stimulanz schreienden Materialismus führen. Den Sinn, den Frankl meinte und den ich meine, ist ein kreativer, unendlicher und nicht konsumtiver.

Andreas: Das mit der unbewussten Organisation kann ich nachvollziehen. Es sind und bleiben wir Menschen, die wahrnehmen, denken und handeln – solange wir Teil dieses (sozialen) Systems sind. Ich stolpere in dem Zusammenhang auch immer wieder über den Emergenzbegriff. Bislang konnte mir niemand erklären, was denn der Übersummative Effekt von Organisationen sein soll, den ich nicht durch die menschlichen Entscheidungen erklären kann. Soweit bin ich bei Dir. Und doch haben wir an der Stelle vielleicht die Chance zu einem fruchtbaren Dissens:

priomy Website

Natürlich konstruiert die Organisation keinen Sinn – aber deren Akteure. Konkretes Beispiel: Wir Unternehmensdemokraten. Heute im Plural, waren wir bis vor einiger Zeit noch eine One-Man-Show. Um passende Teammitglieder zu finden, hatte ich mich vor Monaten entschlossen, eine Vision und Mission zu nutzen, die ich ehedem mit priomy, der Plattform für selbstbestimmte Arbeit, mit meinen damaligen Kolleg*innen entwickelte. Jeweils im ersten Gespräch mit den heutigen Teammitgliedern Julia Heuritsch, Govinda Hiemer und Paul Carduck (chronologische Reihenfolge) hatte ich einige nicht verhandelbare Punkte erläutert. Einer davon war diese Vision und Mission. Hier war und bin ich aktuell nicht bereit, das neu zu denken. Dieser Schritt war somit ein Angebot zur Sinnkopplung. Es ist gut gegangen, die drei konnten unmittelbar anknüpfen. Und nun sind wir mit dieser Vision und Mission gemeinsam unterwegs – und bieten vielleicht zukünftig weiteren Kolleg*innen diesen Sinn und Zweck (Vision und Mission) an. Ob das verfängt, können nicht nur alle potentiellen zukünftigen Kandidaten entscheiden, sie müssen sogar! Also: Die Akteure jeder Organisation können genau das tun, zunächst mal unbenommen des jeweiligen Vorgehens, diese Vision, diesen Sinn bei einer bestehenden Organisation topdown vorzugeben oder gemeinsam partizipativ zu erarbeiten. 

Jetzt zum Leiden: Das sehe ich ebenfalls anders als Du. Ja sicher, wir hier in der “ersten” Welt haben glücklicherweise in den meisten Fällen keine Sklavenarbeit mehr zu leisten. Und dort wo Ausbeutung betrieben wird, wie beispielsweise durch Sub-Sub-Unternehmenskonstruktionen in der Logistik, fragen die Fahrer aktuell nicht so laut nach dem Purpose wie im Bereich wissensbasierter Dienstleistungen. Da gilt dann erst mal die Maslow’sche Bedürfnispyramide. Aber es gibt sehr wohl genügend Menschen, die auch ohne ersichtliche Ausbeutungsstrukturen unter ihrer Arbeit leiden, und zwar erheblich, ich selbst kenne viele. Dabei wissen wir seit den epidemiologischen Studien Whitehall I und II längst, dass es sogar einen direkten Zusammenhang zwischen der hierarchischen Position und der Gesundheit und Mortalität der Angestellten gibt. Da ging es erst mal um die Hierarchie – aber eben auch darum, dass die Betroffenen nicht leitenden Angestellten eben kein Kohärenzgefühl entwickeln konnten und nicht den Eindruck hatten, ihr Arbeitsleben selber zumindest bis zu einem gewissen Maß kontrollieren zu können. 

Langer Rede kurzer Sinn: Ich finde es bei aller Zustimmung zu Deinen grundlegenden Argumenten durchaus sinnvoll, sich mit dem Warum der Arbeit auch auf organisationaler Ebene auseinanderzusetzen. Das sind dann natürlich kommunikative Akte der betroffenen Personen. 

Nur wer seinen Sinn konstruiert, übernimmt die Verantwortung

Bodo: Zum ersten Punkt. Stichworte: Nicht die Firma, aber die Akteure. Damit wird aber genau die Formulierung “purpose-driven organisation” hinfällig. Es müsste dann eher purpose-driven human beings heißen. Und schwupp hätte man mich wieder im Boot. Dieses inhaltlich falsche Geblubber kann ich per se schon nicht leiden, wenn es dann aber missweisende Implikationen hat, wird es problematisch. Ist in meinem Kopf die Organisation purpose-driven, also dieses andere Ding namens Firma und nicht ich, dann verschiebt sich die Verantwortung. Das ist für mich eine “die da werden das schon machen” anstatt “ich mache das”. Damit beraube ich mich der Verantwortung und der Gestaltungsmöglichkeit. Verantwortung und Freiheit sind aber genau die Pole, auf die Frankl so stark abhob und warum ich so gut an ihm andocken kann. Unabhängig davon bin ich bei Dir: Ich als Manager/Inhaber kann natürlich Sinnangebote unterbreiten und andere können andocken. Sollte man auch unbedingt tun, da es zum Vorteil des Unternehmens als Zweckraum sein kann… aber… und bei dem aber bleibe ich stur… es bist Du und nicht die Firma, die den Sinn anbietet. Du bist es, die Firma ist nur der carrier, man könnte auch sagen “der Realisierungsraum”.

Andreas: Tolles Wort – Realisierungsraum. Ja, die Organisation ist ein Träger, ein Vehikel, ein Raum, um (geschäftliche) Ideen und Aufgaben zu realisieren. Ebenso läufst bei mir offene Türen ein, wenn es um die Verantwortungsübernahme geht. Da führt auch für mich kein Weg dran vorbei: Jeder muss für sich die Verantwortung übernehmen, insbesondere wenn es um die Frage nach dem Warum bei der Arbeit geht. Eine Organisation ist weder identisch mit ihrer Belegschaft, noch umgekehrt. Indes gilt: Eine Organisation ohne Belegschaft existiert höchstens als formal-juristisches Konstrukt, aber nicht als lebendiges, soziales System. Wenn also die Menschen in ihrer Arbeit purpose-driven sind, ist es zwangsläufig auch die Organisation. Und es geht im jeweiligen Umfeld der Organisation um deren Leistungen, egal worin sie bestehen, unabhängig davon, ob es eine Gewinnerzielungsabsicht gibt oder nicht. Sobald es also für die meisten Menschen in einer Organisation einen konsistenten Purpose gibt, den sie idealerweise mitgestaltet haben und an den sie sich eigenverantwortlich ankoppeln, hat dieser Purpose eine Wirkung auf die Selbststeuerung dieser Organisation. Und insofern scheint mir Purpose als Leitplanken einer Organisation sinnvoll, auch wenn natürlich dieser Purpose durch die Menschen erarbeitet wurde. Jetzt zum Leiden der Mitarbeiter*innen infolge ausbeuterischer Arbeitsverhältnisse: Wie siehst Du das?

Maslowsche Bedürfnispyramide: Erst das Fressen, dann der Purpose?
Bedürfnispyramide nach Maslow

Bodo: Ja, die gibt es. Die Frage ist nur, wie man damit umgeht, wem man die Verantwortung dafür zuschiebt und ob diese Frage “berechtigt” ist. Lass uns gleich mal bei dem berechtigt sein bleiben, das wird Dir möglicherweise am meisten aufstoßen. Um es auf den Punkt zu bringen… das mit Maslow springt mir zu kurz, ist zu eindimensional. Es schwingt bei manchen Menschen, so sie diese Aussage treffen, ein latentes Weltbild mit, nämlich dem des “Die armen wilden Muskelarbeiter wissen es halt nicht besser, sind halt nicht erleuchtet.” Es stört mich massiv, daß ausgerechnet dort, wo am meisten Wohlstand, am meisten von was auch immer, die höchste Unzufriedenheit vorherrscht. Das ist in meinem Weltbild gaga und Ausdruck eines Überangebots, geradezu in manchen Fällen einer Dekadenz. Menschen, die so handeln und so empfinden, werden von mir mit ganz schrägem Blick angeschaut. Wir alle kennen Menschen, denen es viel schlechter geht und die glücklich sind und dann kennen wir oftmals auch Menschen, die so satt sind, daß ihnen nur noch das Unglück aus der Seele fließt. Ja, ich bekenne mich zur Aufgabe als Führungskraft, Sinnangebote zu unterbreiten und noch viel mehr bekenne ich mich zu meiner Aufgabe als Führungskraft, meinen Mitarbeitern all das aus dem Weg zu räumen, was völlig sinnlos ist… aber ich bekenne mich auch sehr klar zu meiner Meinung, daß mir all die Menschen, die ach so fürchterlich ob ihres Lebens und ihrer noch viel sinnloseren Arbeit leiden, ziemlich auf den Wecker gehen. Bringt euren Hintern in Bewegung, sucht euch den Sinn eures Lebens und sucht einen Arbeitsplatz, der idealerweise Freude oder nur ganz wenig Leid bietet. Dann kompensiert ihr oder überkompensiert ihr idealerweise euer Leid mit Sinn und seid glücklich. Bitte nicht immer die Verantwortung bei den Anderen suchen, sondern in einem selbst. Wir haben den Gestaltauftrag und haben Gestaltmöglichkeiten. Nutzen, nicht jammern.

Andreas: Die Kritik an der Maslowschen Bedürfnispyramide teile ich ebenfalls, sorry, Bodo, kein Dissens. Wobei ich sie nicht ganz ablehne, ich hatte ja selbst damit argumentiert. Problematisch an ihr ist die Implikation, dass wir nur dann auf Sinnerleben schauen, unseren Werten treu sind etc., wenn die Grundbedürfnisse befriedigt sind, gemäß Brecht, erst käme das Fressen, dann die Moral. Das ist offensichtlich falsch, sonst würden Menschen für ihre Werte nicht massive Unannehmlichkeiten bis hin zum Tod in Kauf nehmen. Allerdings glaube ich schon, dass es leichter fällt, sich die Sinnfrage zu stellen, wenn man einen gut gefüllten Kühlschrank hat und die Miete oder die Tilgung des Kredits gesichert sind. Das geht mir zumindest nicht anders. Wäre ich unter existentiellem finanziellen Druck, würde ich vermutlich auch Jobs annehmen, die mich nicht sinnhaft erfüllen und gar beglücken – weil ich zwei Kinder habe, die noch von mir und meinem Einkommen abhängig sind. Ginge es nur um mich, sähe das anders aus. 

Purpose: Freiheit nimmt mensch sich

Bodo: Letzter Punkt: Deine Stichworte waren Ausbeutungsstrukturen, Kohärenzgefühl und Kontrolle des Arbeitslebens. Auch hier ein paar sehr klare Aussagen. 1. Ich werde nur ausgebeutet, so ich mich ausbeuten lasse und 2. Kontrolle ist für mich eine Illusion. Es gibt schlichtweg keine Kontrolle, schon gar nicht, wenn ich abhängig beschäftigt bin und bei jemandem arbeite, der selbst keine Kontrolle ausüben kann. Weiß ich deswegen nicht, daß es schlichtweg Idioten unter den Arbeitgebern gibt? Und ob ich das weiß. Und ich weiß sogar, wie ich damit umgehe. Ganz einfach, in dem ich das Unternehmen verlasse. Nun mag man einwenden, daß ich ja ein gesuchter Spezialist bin und auch drei Tage ohne Einkommen überleben kann. Alles richtig, ja, das macht mich freier in der Auswahl dessen, was ich akzeptiere und was ich negiere. Aber, und dieses aber ist mir ganz enorm wichtig… ich habe die Attitüde entwickelt, als ich jung und Bettelstudent war, von der Hand in den Mund lebte und nie wirklich mehr in der Tasche hatte, als mir mein studentischer Hilfsjob in den Geldbeutel spülte.

Freiheit hat man nicht, Freiheit kriegt man nicht, Freiheit lässt man sich nicht nehmen… Freiheit ist ein Ding, was in dem Moment entsteht, wo man es sich einfach nimmt. Bodo Antonic

Herr Rossi sucht sich seinen Sinn selbst
Bruno Bozzetto zeichnet Herrn Rossi an die Tafel

Und damit sind mir Menschen, wie Du dir vorstellen kannst, die sich jeden Monat einen Scheck geben lassen, um dann zu klagen, daß es ihnen so schlecht geht und das alles so sinnlos ist, nicht die Menschen, die ich bedaure, sondern die ich gerne wachrütteln würde, in dem ich ihnen sage “Suche deinen Sinn, suche dein Glück, Herr Rossi hat das auch gemacht.”

Ansonsten gebe ich Dir natürlich völlig recht hinsichtlich der Aussagen zum Thema Kohärenz. Wenn diese fehlt, kann sich das sehr wohl auf Mensch und seine Gesundheit ausschlagen. Daher sehe ich es als meine Aufgabe an, diese Gefühl der Kohärenz auch zu erzeugen und zu gestalten. Vom seelenlosen, juristischen Konstrukt Unternehmen verlange ich das nicht, von mir als Führungskraft aber sehr wohl. Nun kann man das Wort Kontrolle an dieser Stelle auch anders nutzen, eher im Sinne von Gestaltung. Deine Aussage, daß Mitarbeiter keine Kohärenz aufbauen bzw. empfinden, kann auch so verstanden werden, daß sie aufgrund mangelnder Gestaltungsräume das Gefühl entwickeln, nichts gestalten zu können bzw zu dürfen und damit zu entseelten Kommandoempfänger abgestempelt werden. Wo das so ist, kann ich den Mitarbeiter vollumfänglich verstehen, ich wollte so auch nicht arbeiten. Hier bin ich als Mensch und Führungskraft gefragt, um mit dem Mitarbeiter einen adäquaten Gestaltungsraum zu kreieren.

Andreas: Das mit der Ausbeutung ist zumindest in unseren Sphären oft ähnlich wie mit der Macht. Jemand hat nur solange Macht über mich, wie ich diesem Menschen diese Macht zugestehe. Allerdings scheint mir das im Falle ungelernter Arbeiter*innen und prekär Angestellter eher ein theoretisches Konstrukt. Ich finde es inspirierend, wenn Du Dir als Student deine Freiheit genommen hast – allerdings hattest Du trotz klammer Kasse eine Ressource, die leider immer noch vielen anderen Menschen auch in unserer Kultur abgeht: Die nötige Intelligenz und die Optionen einer aussichtsreichen Bildung. Ich bin der Letzte, der behauptet, Menschen seien nicht für ihr Leben selbst verantwortlich – aber die Optionen, diese Verantwortung wirklich konsequent zu leben, scheinen mir nicht gleich verteilt zu sein. Oder bin ich da falsch gewickelt?

Bodo: Ja, nein, jein. Im Grunde stoßen wir in das Innerste meines Denkens und Fühlens hinein. Freiheit ist ja auch nur ein Gedankenkonstrukt. Ich will jetzt nicht Herrn Schopenhauer rausholen, aber Freiheit ist nichts weiter als eine unstoffliche Illusion, die verdammt real im Kopf eines Menschen werden kann. Nochmal: Freiheit gibt es nicht, Freiheit hat man nicht. Freiheit entsteht in dem Moment, wo wir sie uns nehmen. Und wir müssen sie uns nehmen, um sie entstehen zu lassen. Für mich ist dieses Denken wichtig, es ist bezeichnend für Bodo Antonic. Angestoßen wurde das vor vielen Jahren, in einem Religionsbuch der 3. oder 4. Klasse. In diesem war eine gezeichnete Erzählung, ein Bildchen, vielleicht 5 cm hoch und eine Schulbuchseite breit. Dieses Bildchen bestand aus 3 oder 4 Unterbildchen. Das eine zeigte ein Baby und war übertitel mit “Viel zu klein, um zu beten”, dann kam “Viel zu verliebt, um zu beten” und zeigte junge Menschen, dann der arbeitende Vater und ein “Viel zu beschäftigt, um zu beten.” Zu guter Letzt ein “Viel zu tot, um zu beten.” Daraus entwickelte sich mit den Jahren in meinem Kopf eine Idee. Aus “Ich habe keine Zeit.” wurde “Zeit hat man nicht, Zeit nimmt man sich.” Und als dann der Freiheitskampf der Stadt Dubrovnik im jugoslawischen Krieg in mein Leben trat, entstand die Erkenntnis “Freiheit hat man nicht, man nimmt sie sich.” Obwohl ich weiß, daß ich es mir nicht erlauben kann, dies oder jenes zu tun, weil ich eben nicht frei genug dazu bin, nehme ich mir die Freiheit. Der Willensakt wird damit zum Schöpfungsakt. Daher ist es mir auch so wichtig, daß wir Menschen uns gegenseitig unterstützen, uns selbst die Gestaltungskraft zur Freiheit zu geben.

Zurück zu deiner Frage. Ja, ich erkenne an, daß Du recht hast, wenn du sagst, daß es vielleicht für manchen leichter ist, sich selbst zu befreien. Aber ich sage nein zu deiner Aussage, daß die Optionen ungleich verteilt sind. Ich als Mensch bin die Option. Ich bin, lass mich an der Stelle so schwülstig sein, ich bin der gebenedeite Leib, der seine eigene Freiheit gebiert. Ich bin zu meinem eigenen Schöpfungsakt imstande.

Andreas: Danke Dir für diese auch aus meiner Sicht extrem wichtigen Gedanken und Reflexionen über Purpose. Für heute machen wir an dieser Stelle mal Schluss – und schauen, wohin uns die Reise in der nächsten Zeit noch führt. 

 

Herzliche Grüße

Bodo & Andreas

 

Bildnachweis

  • Beitragsbild: pixabay, lizenzfrei
  • Frankl: Prof. Dr. Franz Vesely, CC BY-SA 3.0 de
  • Mall: pixabay, lizenzfrei
  • Antonovsky: Screenshot Website
  • priomy: Eigene Website, Screenshot
  • Bedürfnispyramide: Philipp Guttmann, gemeinfrei
  • Rossi: Marco Vidale, CC BY-SA 4.0

 

 

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