Doku_ Deutschlandradio Lesart 10_2015 #2

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Ende Dezember 2015 veröffentlichte Franziska Köppe hier im Blog Ihre Sichtweise auf meine Teilnahme bei der Radiosendung Lesart des Deutschlandradio Kultur. Da Demokratie von Perspektivenvielfalt lebt, gibt es jetzt hier noch meinen Rückblick auf die damalige Veranstaltung, denn da gab es einiges DENKwürdiges an Beiträgen. Sowohl von den anderen Gästen Rüdiger Jungbluth wie Jens Dirksen.

Die Protagonisten

Die Grundidee des Sendeformats sieht vor, dass die beiden Autoren das Buch des jeweils anderen lesen, um auf einer fundierten Basis in der Sendung diskutieren zu können. Somit hatte ich die Aufgabe, das Buch des anderen Autoren Rüdiger Jungbluth zu lesen: „Die Quandts. Deutschlands erfolgreichste Unternehmerfamilie“. Der studierte Volkswirt und ausgebildete Journalist schrieb bislang unter anderem für Spiegel, Stern und die Zeit. In seinem aktuellen Buch stellt er die Familiendynastie der Quandts und ihre wirtschaftlichen Tätigkeiten über vier Generationen dar.
Als weitere Talkgast war Jens Dirksen dabei, Chefredakteur des Kulturteils der Westfälischen Allgemeine Zeitung. Er hatte beide Bücher zu lesen, um sie in der Diskussion als neutraler Dritter zu kommentieren. Geleitet wurde die Runde von Florian Felix Wey, der „für verschiedene Redaktionen des Deutschlandfunks und von Deutschlandradio Kultur“ (Wikipedia) und den NDR, SWR und WDR tätig ist. Leitende Redakteurin der Sendung ist seit Beginn dieses Formats Petra Bock vom Deutschlandradio Kultur.

Die DAX Konzerne fehlen

Grillo-Theater, Essen. ©Andreas Zeuch 2015
Grillo-Theater, Essen. ©Andreas Zeuch 2015

Der erste kritische Kommentar von Rüdiger Jungbluth lautete in etwa folgendermaßen: „Die Fallbeispiele in Ihrem Buch sind ganz gut und anregend, aber auch wenn Sie sagen, dass das nicht nur kleine Unternehmen seien, so sind es doch nur mittelständische Unternehmen. Mir ist ihre Darstellung zu einseitig, es fehlen die DAX Konzerne. Und ihre pauschale Aussage, dort gäbe es ohnehin keine Demokratie, ist nicht haltbar. Natürlich wird in diesen Unternehmen schon lange Mitbestimmung und Partizipation umgesetzt.“
Interessant. Die jeweilige Einzelgröße, nicht einmal definiert, sondern nur erahnt, wird zum Argument für die Bedeutung der DAX Konzerne und meine lückenhafte Darstellung. In Deutschland gibt es alles in allem ungefähr 3,2 Millionen Unternehmen. Davon sind exakt 30 im DAX gelistet. Ich habe mir mal die Mühe gemacht, nur die Anzahl der in diesen Konzernen beschäftigten laut der jeweils letzten Angabe in Wikipedia zu summieren: Rund 4 Millionen. Damit beschäftigen diese Konzerne nicht einmal ein Zehntel der Arbeitnehmer in Deutschland, sondern nur rund 9% von 43,07 Millionen Erwerbstätigen (Statista: September 2014 – September 2015). Da erscheint es mir sinnvoller, mich nicht wie so viele andere von den großen, schillernden DAXlern blenden zu lassen, sondern (kleine) mittelständische Unternehmen zu fokussieren.

DAX Konzerne leben Mitbestimmung

Aber egal, ob diese Unternehmen nur einen kleinen Bruchteil der deutschen Arbeitnehmer beschäftigen oder nicht – sie hätten laut Jungbluth doch längst Mitbestimmung und Partizipation realisiert. Seiner Auffassung nach wäre meine Darstellung ein “Zerrbild”, denn bei den DAX Konzernen wie Siemens würde längst nicht mehr top-down durchregiert. Das gäbe es vielleicht noch bei VW. “Aber die anderen Unternehmen haben sich doch im Binnenleben extrem demokratisiert.”* Nun, da stellt sich natürlich die Frage, wie man Unternehmensdemokratie definiert. Ich stellte meine Sicht nur über die verschiedenen möglichen Partizipationsreichweiten kurz dar: Dürfen MitarbeiterInnen in operativen, taktischen und / oder strategischen Bereichen mitentscheiden? In welchen dieser Unternehmen stellen die Mitarbeiter beispielsweise selber den Personalbedarf fest, stellen neue Mitarbeiter ein und entlassen sie wieder? Oder wo sind sie direkt an der Strategieentwicklung beteiligt? Und wo, bitte, kommen demokratische Entscheidungsinstrumente und -konzepte wie Systemisches Konsensieren oder Soziokratie zum Zuge? Und ganz nebenbei: Wie gleichberechtigt und damit demokratisch sind denn die Vorstände dieser Unternehmen besetzt? Dort finden sich nach wie vor so gut wie keine Frauen. Eine reine Männerdomäne. Demokratische Vielfalt sieht anders aus.

Grillo-Thetaer, Essen ©Andeas Zeuch 2015
Grillo-Thetaer, Essen ©Andeas Zeuch 2015

Außerdem werden nach wie vor – natürlich – Managementinstrumente eingesetzt, die eben gerade nicht demokratisch verfasst sind. Top-down definierte Zielvereinbarungen, die die ebenfalls top-down durchs Unternehmen kaskadierte Strategie operationalisieren sollen, wirken nicht unbedingt demokratisch. Aber die Vorstände würden ja, so Jungbluth, durch die Vertreter der Arbeitnehmer im Aufsichtsrat kontrolliert. Da wiederum stellen sich mehrere Fragen: Repräsentieren die Vertreter der Arbeitnehmer tatsächlich den Willen der durchschnittlich rund 134 Tausend MitarbeiterInnen in den DAX Konzernen? Wie steht es um die teils bekannt gewordenen Verflechtungen zwischen Betriebsratsvorsitzenden wie Klaus Volkert und dem damaligen VW Vorstand („VW Korruptionsaffäre“?) Wie wird die kollektive Intelligenz der Vielen genutzt, wenn nur ein recht überschaubarer Aufsichtsrat beispielsweise die Strategieentwicklung des Vorstands kontrolliert?
Bei all dem bleibt aber das einfache Argument von oben gültig: Die DAX Konzerne beschäftigen nicht einmal 10% der deutschen Arbeitnehmer. Selbst wenn diese Unternehmen durch und durch demokratisch verfasst wären, bliebe die Frage nach den restlichen gut 90% deutscher Arbeitsbedingungen. Da finde ich es schon erstaunlich, dass Herr Jungbluth so auf die DAX Konzerne abhebt und meine Sichtweise als Zerrbild diagnostiziert.

Das Vorrecht der Eigentümer

Ein weiteres Kernargument bestand für Jungbluth in der Eigentumsfrage: Was wäre denn am sinnvollsten? Wenn die Eigentümer, egal ob Inhaber oder Shareholder, das Unternehmen lenken oder diejenigen, die dort arbeiten? Die Antwort war klar, Eigentum regiert. Keine Frage, das kann man so halten. Juristisch ist das einwandfrei und betriebswirtschaftlich sowieso Gang und Gebe. Natürlich, merkte ich an, ist das per se keineswegs unmoralisch, solange die Arbeitnehmer nicht ausgebeutet werden. Aber dieses Argument öffnet einen viel größeren Raum: Wozu dient eigentlich unsere Wirtschaft? Was ist der jeweilige Sinn eines Unternehmens? Das Glaubensbekenntnis der Gewinnmaximierung ist kein physikalisches Gesetz. Sie wurde erst in einem Rechtsstreit zwischen Henry Ford und den Brüdern Dodge gerichtlich als oberstes Ziel einer Aktiengesellschaft definiert.
Desweiteren stellt sich die Frage danach, wer die größten und bestimmenden Eigentümer sind? Privatpersonen? Natürlich nicht, sondern institutionelle Anleger. Und deren einziger Zweck ist die maximal schnelle Steigerung der Rendite und damit ein kurzfristiges Quartalsdenken, dass langfristige Investitionen und Entwicklungen erfolgreich verhindert. Auf diese Weise steuern und gestalten Großanleger das Unternehmen. Die Arbeitnehmer sind damit nichts weiter als Erfüllungsgehilfen zur Gewinnmaximierung der Eigentümer. Das wird so gemacht. Ob das zu einem guten Leben der Arbeitnehmer führt, ist – ganz euphemistisch formuliert – nicht klar. Aber natürlich spielt diese Frage keine Rolle in einer auf Gewinnmaximierung reduzierten Wirtschaft.

Publikumsdiskussion

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Das Publikum kommt langsam dazu. ©Andreas Zeuch 2015

Frappant war die Publikumsdiskussion, die nach der Sendung folgte: Von den rund 25 Minuten beschäftigten sich die TeilnehmerInnen der Veranstaltung etwa 20 Minuten lang mit dem Thema der Unternehmensdemokratie. Schade war indes, dass das Publikum, im Schnitt geschätzte 55 Jahre alt, vor allem klarstellen wollte, dass Unternehmensdemokratie ja nicht funktionieren könne. Da wurde zum Beispiel argumentiert, dass die Demokratisierung von Unternehmen kein Erfolgsgarant wären. Dem könnte man nur mit einer äußerst robusten Realitätsverkennung widersprechen. Natürlich ist das so – aber sind die üblichen Top-Down Konzepte der Unternehmensführung umgekehrt etwa die Garantie auf Erfolg? Ganz offensichtlich ein reichlich sinnfreies Argument.
Interessanter war schon die Frage, wie es denn um MitarbeiterInnen bestellt wäre, die irgendwann merken würden, dass Mitbestimmung und Verantwortungsübernahme nicht ihr Ding wäre und deshalb ein Unternehmen verlassen würden. Genau das passiert. Zum Beispiel, wie ich erläuterte, bei der Volksbank Heilbronn nach ihrem ersten deutlichen Demokratisierungsschritt mit der Abschaffung aller Hierarchieebenen. Ob die Demokratisierung nun relativ schnell oder über Jahre erfolgt und dazu führt, dass sich einige Menschen unter den Bedingungen einer Unternehmensdemokratie nicht mehr wohl fühlen, spielt keine allzu große Rolle. In beiden Fällen mangelt es am Willen und / oder der demokratisch-unternehmerischen Kompetenz. In jedem einzelnen Fall, in dem dies zu beobachten ist, stellt sich dann die Frage, ob diesen MitarbeiterInnen entsprechende Coachings (Wille) oder Weiterbildungen (Kompetenz) zur Verfügung gestellt werden. Diejenigen Unternehmen, die sich erfolgreich demokratisierten, haben genau das getan.
Zum Schluss kam die Frage auf, ob es aus meiner Sicht eine Tendenz in Richtung von Mitbestimmung und sinnerfüllter Arbeit gäbe, insbesondere bei jüngeren Menschen, die häufig unter dem Label Generation Y zusammengefasst werden. So wurde die bis dahin geführte Diskussion noch um eine wichtige Dimension erweitert, die bis dahin vollkommen untergegangen war: Warum arbeiten wir eigentlich? Ist Geld verdienen das einzige Motiv? Natürlich nicht, glücklicherweise wird die Sinndimension zunehmend thematisiert. Ob indes eine gesellschaftliche Tendenz damit verbunden ist, wollte ich nicht prognostizieren.

Zusammenfassung

Erfreulicherweise bewegt die Demokratisierung der Arbeit die Gemüter. Es war wohl, wie ich nach der Veranstaltung erfuhr, die emotionalste Diskussion, die es bei den bisherigen Abenden gab, immerhin fast 50. Schade war hingegen, das von der angeblich sinnsuchenden Generation Y niemand anwesend war. Letzteres gibt zu denken.
Und hier die gesamte Sendung zum Nachhören:

Herzliche Grüße
Andreas Zeuch
* Tatsächlich könnt Ihr diese Aussage “extremer” Demokratisierung nachhören, Jungbluth äußert das ca. ab der 40ten Minute in der Sendung.
Bildnachweis

  • Beitragsbild: Peter Kolling (mit freundlicher Genehmigung). v.l.n.r.: Rüdiger Jungbluth, Florian Felix Wey, Andreas Zeuch, Jens Dirksen
  • Alle Bilder im Beitrag: © Andreas Zeuch

Comments (1)

Lieber Andreas,
durch Deinen Sichtweise auf die Radio-Show kann ich gut nachvollziehen, wieso Du »mit dem Kopf schüttelst«.
Gerade Deine Beschreibung, dass es schade war, »dass das Publikum, im Schnitt geschätzte 55 Jahre alt, vor allem klarstellen wollte, dass Unternehmensdemokratie ja nicht funktionieren könne.«, bringt mich zur Erinnerung an eine Aussage von Hannah Arendt.
Sie hat in Macht und Gewalt u.a. geschrieben, dass unser Denken so von einer Kultur der Dominanz durchdrungen ist, dass wir gar nicht mehr in der Lage sind, differenziert darüber nachzudenken. Ich ergänze: Nachzudenken über Partizipationsrechte und mittlerweile sogar TeilGabe Notwendigkeit, für den Wandel unserer Gesellschaft in diesem Jahrhundert.
Dass dies möglicherweise besonders bei der vor Dir beschriebenen Kohorte auffällig ist, verwundert mich nicht. Spannend wäre es in der Tat gewesen, wie X, Y und weitere Generationen diese Frage beantwortet hätten …
Wie ich weiß, bleibst Du am Thema dran. Gut so.
Gutes Gelingen weiterhin und bis bald
Frank

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