Brexit und seine Bedeutung für Unternehmensdemokratie

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Der Brexit ist ein historisches Ereignis mit weitreichenden Folgen, die niemand genau überblickt. Zu komplex sind die Wirkungsgefüge, in denen sich knapp 52% der Briten für den Austritt aus der EU entschieden haben. Allerdings reicht der gesunde Menschenverstand, um zu erkennen, das Demokratie in Form des durchgeführten Referendums augesprochen fraglich war und ist. Mich bewegen dabei vor allem zwei Sachverhalte: Erstens das EntscheidungsDesign und zweitens die demografischen Daten der jeweiligen Entscheidungslager. Beides gibt Anlass zu einer kritischen Reflexion demokraticher Mechanismen, die natürlich auch eine Bedeutung für die Demokratisierung der Arbeit haben.

Der Brexit: Überblick

Durchschnittlich beteiligten sich 72% der Briten an der Entscheidung. Am Ende waren 51,9% für den Brexit und die restlichen 48,1% dagegen. Die beiden Lager lassen sich verschiedenen Kategorien zuordnen: Die Befürworter des Austritts, die sich jetzt eine kurze Zeit im Rausch als Sieger fühlen können bis die toxischen Wirkungen eintreten, lassen sich mit vier Attributen beschreiben:

  • alt
  • arm
  • schlecht ausgebildet
  • wohnhaft in der englischen Provinz

Sie waren es, die durchaus verständlich, auf die verlogenen Aussagen des Brexit Treibers Nigel Farage hereinfielen: 350 Millionen Pfund zahle das große Britische Reich wöchentlich an die EU. Nach dem Austritt sollte (nicht könnte!) diese Summe in den maroden National Health Service investiert werden. Für dieses Geld könne beispielsweise im Wochentakt ein neues Krankenhaus gebaut werden. Klar, dass das vor allem alte Menschen, die gleichzeitig auch noch arm sind und mit dieser gefährlichen Melange in einer überalternden Gesellschaft eine wichtige, wenn nicht sogar die zentrale Wählergruppe darstellen, diese Idee wählenswert finden. Und genau dieser Personenkreis ist natürlich auch für populistische Meinungsmache hinsichtlich der Zuwanderungspolitik eines Landes empfänglich. Und für Programme, die eine Rückkehr zur guten alten Zeit versprechen.
Allerdings stellte sich – oh Wunder – bereits am Freitag nach der Wahl heraus, dass diese Zahlen und die avisierten Folgen nicht ganz korrekt sind, um britisches Understatement zu pflegen. Erstens zahlten die Briten keineswegs wöchentlich 350 Millionen Pfund an die EU, denn sie erhielten natürlich auch Subventionen von der EU, die mit dieser Summe ebensowenig verrechnet waren wie Rabatte. Nach Abzug dessen, was wieder an England zurückfließt, bleibt eine wöchentliche Summe von … . Ganz unabhängig mal von all den nicht oder nur äußerst vage ökonomisch zu beziffernden Vorteilen, die die Mitgliedschaft in der EU so mit sich bringt.

EntscheidungsDesign

Dieser historische Meilenstein, vor dem wir nun alle stehen, ist einer äußerst knappen Mehrheitsentscheidung geschuldet. Da stellt sich sofort eine nicht zu unterschätzende Frage demokratischer Mechanismen: Ist es klug, dass eine äußerst knappe Mehrheit reicht, um fundamentale Entscheidungen zu treffen? Wohl kaum. Wie kann es sein, dass die eine Hälfte der anderen nicht nur die nächste Legislaturperiode diktiert, sondern gleich die nächsten Jahrzehnte massiv beeinflusst. Das Mindeste wäre wohl eine Zweidrittel-Mehrheit. Aber selbst die wäre nicht wirklich überzeugend, dann würde eine Minderheit unterdrückt.
Vielleicht bestünde ein intelligenteres, gerechteres und nachhaltigeres EntscheidungsDesign darin, eine nationale Online-Konsensierung durchzuführen, an der sich alle britischen BürgerInnen beteiligen dürfen:

  1. Entweder: Alle Themen sammeln und clustern, die einen möglichen Brexit betreffen. (extrem komplex)
  2. Oder: Die gewählten Repräsentanten des Volkes geben die wichtigen Themen vor, zB Migrationsherausforderung, Brüsseler Wasserkopf etc.
  3. Diese Themen werden zunächst in öffentlichen on- und offline Foren diskutiert, Zwischenergebnisse gesammelt und im Netz veröffentlicht.
  4. Daraus werden Unterentscheidungen formuliert: Die Brüsseler Verwaltung muss verschlankt werden und nationale Regionen brauchen mehr Eigenverantwortung.
  5. Nun wird der Widerstand gegen diese Unterentscheidungen formuliert und weitere Argumente gesammelt.

Dieses EntscheidungsDesign wäre wesentlich aufwändiger als das durchgeführt Referendum. Allerdings, so vermute ich, wäre das Ergebnis wesentlich nachhaltiger und seine Umsetzung danach deutlich leichter. Aber natürlich wirft dieses Verfahren viele Fragen auf und niemand weiß, ob und wie diese Methode in der Größenordnung funktionieren würde. Eines scheint mir jedoch gewiss: Die angewendete Methode ist für die EntscheidungsDimension des Brexit nicht angemessen.

Demografische Verwerfung

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Mittlerweile hat es sich rumgesprochen, das paradox anmutende Ergebnis der YouGov Umfragen: Es waren die Alten, die den Brexit herbeigeführt haben, es waren diejenigen, die mit den Ergebnissen und Folgen nur noch am wenigstens Zeit verbringen müssen. Diejenigen, die gezwungen sind, die nächsten Jahrzehnte damit klarzukommen, hatten größtenteils dagegen gestimmt. Genauer: Je länger jemand mit den Konsequenzen des EU-Austritts nun leben muss, desto eher hat er sich dagegen entschieden. Das treibt einen Keil zwischen die Generationen. Ich wäre auch nicht glücklich damit, mit meiner Arbeit die Altersversorgung derjenigen mitzufinanzieren, die mir ein Leben bescheren, das ich nicht will.
Es gibt ohnehin schon eine relativ natürliche (Soll)Bruchstelle zwischen Generationen. Die meisten von uns haben sich früher oder später von den Eltern und deren Lebensweise losgesagt. Es ist ein natürlicher Prozess der Selbstwerdung und Individuation, einen eigenen Weg zu suchen und zu finden und nicht in die Fußstapfen der Eltern zu treten. Natürlich gibt es da eine große Spannbreite, manche können sich eher mit den Eltern, ihren Werten und ihrer Lebensweise identifizieren, andere weniger. Wenn dann aber eine (Groß)Elterngeneration für ein ganzes Volk die maßgebliche Meinung vertritt und damit eine Entscheidung herbeiführt, die für mindestens die nächsten ein bis zwei Generationen tendenziell unerwünschte Konsequenzen haben, wird diese (Soll)Bruchstelle zu einer viel schwerer überbrückbaren Kluft.
Der Guardian hat ein paar Jugendlichen und Twens eine Stimme gegeben. Sicherlich nicht repräsentativ, aber immerhin ein erstes Stimmungsbild, wie es wohl vielen anderen jungen Britischen BürgerInnen gerade geht, was sie denken und fühlen:

Das, was an Fassungslosigkeit, Frustration, Angst, Wut und sonstigen Emotionen selbst durchs Video spürbar wird, sollte uns zu denken geben. Bisher hatte ich mir eher Sorgen um die älteren Generationen gemacht und wie wir sie integrieren können, statt in Altersheime abzuschieben. Das hat sich mit dem Brexit schlagartig geändert.
Brexit - Korrelation Alter - WahlbeteiligungAllerdings sollten wir auch diese momentane Interpretation kritisch hinterfragen. Denn wie Statistiken des Telegraph und der Financial Times zeigen, korrelierte die Wahlbeteiligung ebenfalls mit dem Alter: Je älter die Wähler, desto mehr haben sie sich am Referendum beteiligt. Ich vermute allerdings, dass dies auch etwas damit zu tun hat, dass jüngere Generationen generell mit dem bestehenden demokratischen System nicht mehr einverstanden sind und sich andere Formen der Demokratie wünschen. Es scheint mir ebenso kritisch, aus dem Befund der Korrelation von Alter und Wahlbeteiligung den Schluss zu ziehen, dass die jüngeren Generationen dann halt selbst schuld wären, sie hätten ja nur ihre Stimme abgeben müssen.
Das auch dies zu kurz gegriffen ist, zeigt die sofort einsetzende Bewegung der Bregrets (British Regrets): Jener Protestwähler, die keineswegs einen Austritt aus der EU, sondern mit ihrer Stimme nur ihren Unmut äußern wollten. Dazu unten noch mehr.

Brexit und Unternehmensdemokratie

Diese Dynamik wirft zwei wichtige Fragen demokratischer und föderative Gestaltung von Organisationen auf:
Da wäre erstens, wie auch beim Referendum auf gesellschaftspolitischer Ebene, die Frage nach einem angemessenen, funktionalen EntscheidungsDesign. Funktional ist die Auswahl der Methoden und ihrer Kombination in einem bestimmten Umfeld (Settting) dann, wenn dabei mehrheitlich Entscheidungen erzeugt werden, die zwei Kriterien erfüllen:

  1. Es werden für einen möglichst großen Teil der Belegschaft befriedigende Ergebnisse erreicht.
  2. Die Ergebnisse ermöglichen zumindest ein sicheres Überleben der Organisation in ihrem Umfeld.

Zweitens stellt sich die Frage, wie es für möglichst viele Vertreter der Belegschaft faire Entscheidungen geben kann, wenn in einer Organisation mehr ältere als junge Menschen arbeiten? Das ist natürlich nicht in allen Organisationen der Fall, sondern vermutlich in bestimmten Branchen sowie zunehmend in größeren Unternehmen/Organisationen wie Konzernen. Bislang hatte ich über diese Fragestellung nicht nachgedacht. Es ist eine der ersten und wichtigsten Anregungen, die ich persönlich aus dem Brexit ziehe. Dabei ist es nicht die mögliche Ungerechtigkeit gegenüber einer (knappen) Minderheit, sondern das reziproke Verhältnis von Entscheidungsmacht einerseits und der Dauer andererseits, mit der die jeweiligen Alters-Gruppen mit den Konsequenzen leben müssen.
So bietet der Brexit nicht nur gesellschaftlich für die nächsten Jahre, wenn nicht Jahrzehnte einen enormen Diskussions- und Reflexionsbedarf. Einen äußerst lesenswerten Beitrag hat hier bereits Winfried Felser vorgelegt: “Die Demokratie ist tot – es lebe die Demokratie.” Oder die schmerzlichen, aber im Endeffekt konstruktiven Einsichten der Bregret VertreterInnen, die plötzlich merken, dass ihre als bloßer Protest gedachte Stimme eben doch eine demokratische Bedeutung hat. Immerhin konnte dieser Personenkreis bereits schon bis zum 27.06. drei Millionen Stimmen für ein erneutes Referendum aktivieren. Wenn es zu einem erneuten Referendum käme, dürfte die Entscheidung bei gleichen WählerInnen bereits anders ausfallen.
Darüber hinaus kann jeder, der offen ist, eine Krise als Chance wahrzunehmen, sich auch als Unternehmensdemokrat – oder anders formuliert: als Freund von Selbstbestimmung – durch diese Ereignisse aufrütteln lassen. Wir alle können auf ganz unterschiedlichen Ebenen unsere ersten kleinen und großen Lehren daraus ziehen. Und beginnen, sie in kleinen, überschaubaren Experimenten im Alltag zu testen und weiterzuentwickeln.

Herzliche Grüße
Andreas

Quellen und weitere Infos

Bildnachweis

  • Beitragsbild: Facebook, unbekannt
  • Tabelle: Daten YouGov, Darstellung Andreas Zeuch
  • Video: Guardian
  • Grafik “Turnout”: Financial Times

Comments (2)

[…] Wirklichkeit ernsthaft zu befassen? Gut, vielleicht wäre ihnen das mit Hilfe eines anderen Entscheidungs-Designs leichter gefallen. Jedenfalls ist die konsequente Digitalisierung von Allem und Jedem allein […]

[…] sie nicht mehr tragen müssen. Die von Unternehmensdemokrat Dr. Andreas Zeuch aufgeworfene Frage, „wie es für möglichst viele Vertreter der Belegschaft faire Entscheidungen geben kann“, stellt sich damit nicht nur für Organisationen, in denen mehr ältere als junge Menschen […]

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