Grenzen und Möglichkeiten der Partizipation in der Krise

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Wo noch wenige Tage, bevor uns die Corona-Krise einholte, der Diskussions-Äther voll der Worte, Gedanken und Publikationen zum Thema Partizipation war, sind diese Stimmen zu Beginn des Monats Mai 2020 nahezu verstummt. Ist das Thema nun tot? Wird nun ab dem Ende der Krise wieder in die Hände gespuckt? Hat´s endlich ein Ende mit all den feuchten Träumen verkappter Sozialisten und Tagträumer?

Krisenmanagement: Partizipativ oder topdown?

Fakt ist: In der Krise selbst, dann wenn es rumpelt, kracht und stinkt, “braucht´s kaaa Partizipation”. Sie ist nicht nur überflüssig, sie ist gefährlich, brandgefährlich. Dieser Satz mag nicht jedem schmecken, manch eine(r) mag ggf. sogar aufbegehren und innerlich brüllen. Die begründende Rationale: Es gibt für Partizipation nach meinem Dafürhalten schlichtweg keine Zeit zur Diskussion. Bedenken wir doch, das Krise im medizinischen Sinne die Grenzlinie zwischen Tod und Leben repräsentiert.

Während ich in Normalzeiten gerne jedem zuhöre, werde ich dies dann, wenn es um alles geht, nicht tun. Nun mag man sagen, dass dies die typischen Worte des „alten, weißen Mannes“ sind, der jetzt endlich seine alte Weltordnung wieder berechtigt sieht. Ja, das kann man – aber sinnvoll ist es nicht. So mag sich jeder überlegen, ob er mit Captain Chesley B. Sullenberger hätte diskutieren wollen, als dieser versuchte, seinen Airbus auf dem Hudson River zu wassern. In solchen Momenten schweigt und hofft man, darauf ein erfahrener Mensch das Ruder in Händen hält; aber man diskutiert nicht.

Ist also Partizipation dann doch nur ein Luxusthema, wenn die Sonne scheint? Ich denke nein. Um dies zu verstehen, muss man sich vergegenwärtigen, was es bedeutet, eine Krise auszurufen und wie man sinnvollerweise damit umgeht.

Noch einmal, nur um sicher zu sein, dass wir verstanden haben, was Krise bedeutet. Krise ist die Grenze zwischen Leben und Tod – und rechtfertigt damit unter bestimmten Voraussetzungen – nach meinem rein subjektiven Dafürhalten – das Aussetzen von Grundrechten. Unser Grundgesetz sieht dies aus guten und sehr begrenzten Gründen auch deswegen vor. Wir verteidigen Volk und Demokratie dadurch, dass wir die mannigfaltigen Ausprägungen von Demokratie in Ausschnitten auf Zeit einschränken. Ein klassisches Paradoxon. Damit erkennt man unsere bundesdeutsche Demokratie als vollständiges System im Sinne von Gödel. Es ist also möglich, in seiner Gesamtheit das Richtige zu tun, auch wenn man in der Phase der Krise das Nicht-Richtige tut. Jedoch bedarf es dazu der „Krisen-Erklärung“ und eines Mechanismus, der sicherstellt, dass Politiker (“Management”) nicht die Krise als Vorwand sucht, um Elemente der Demokratie und Partizipation dauerhaft auszuhebeln

In Analogie dazu lassen sich vergleichbare Vorgehensweisen im Unternehmen anwenden. Als teil-demokratisches System (Hierarchie!), eingebettet in das demokratische System der umgebenden Gesellschaft, können wir das undemokratische Instrument der „Krisen-Diktatur auf Zeit“ verwenden, so es zur Proklamation der Krise inklusive „Ausrufung des Notstands“ kommt und zudem auch die zeitliche Beschränktheit der Maßnahme genannt wird. Begründende Rechtfertigung (Kausalität) und Limitation sind vorhanden.

Krisenmanagement: Demokratisch legitimiert

Um jedoch nicht in die Fänge einer Schreckensherrschaft zu kommen, um nicht das Grauen eines durch Ermächtigungsgesetze entstandenen „Unrechtsstaates“ erleben zu müssen, brauchen wir also Kriterien, die das Ausrufen der Krise rechtfertigen und zugleich das Ende des Ausnahmezustands beschreiben.

Wie wollen wir zu diesen Kriterien kommen? Per Order di Mufti? Management, welches die Krise ausruft, sich selbst zum Triumvirat erklärt? Hatten wir schon einmal, hatten wir schon sehr oft, vielleicht manches mal auch viel zu oft. Das Ergebnis: Caesarischer Wahn, Brutus und Mord. Und genau an dieser Stelle kommt die Partizipation ins Spiel. Was wäre, so wir vor der Krise in einem Miteinander aus Mitarbeitern und Führungskräften, in einer Art Parlamentarischem Rat, die Grundzüge einer Unternehmensverfassung diskutiert und niedergelegt hätten? Was wäre, so wir darin unter Anderem die Begriffe Krise, Notstand und die Kriterien, die zum Ausrufen des Krisenfalls führen können, definiert hätten?

Damit hätten wir einen (teil)demokratisch festgelegte Vorgehensweise, die es dem Management ermöglichen würde, in Zeiten der Krise gewisse demokratische Rechte des Miteinanders auf Zeit aufzuheben. Und dies mit Zustimmung der Mitarbeiter! Und wir hätten zugleich ein Prozedere, welches das Management verpflichten würde, bei Nicht-mehr-Erfüllung der oben genannten Kriterien den „Nicht-Krisenfall“ – vulgo: Normalfall – auszurufen.

Darüber hinaus würde sich ein weiterer Vorteil für Mensch und Unternehmen ergeben. Da man sich im Rahmen des oben genannten Prozesses mit dem Thema Krise auseinandersetzen müsste, würde die Organisation krisenfester werden. Die Bewusstwerdung von Krise als Unternehmensphase, die Definition der Triggerkriterien für das Eintreten des Krisenfalls, etc. würde Unternehmen die Möglichkeit eröffnen, sich rasch und fokussiert auf den Krisenfall vorzubereiten und so die Wahrscheinlichkeit des Überlebens zu erhöhen.

Krisenmanagement: Lasst uns diskutieren!

Ein letzter Punkt und zugleich der Aufruf zur intensiven Diskussion: Andreas (Zeuch) und ich unterhielten uns kurz zu diesem Artikel. Seine Kommentar #1 war dabei, dass Krise doch nicht mit dem Notwassern eines Flugzeugs zu vergleichen sei, da der Vorgang des Notwassern ein zeitlich zumeist kurzer Vorgang weniger Minuten sei, während unternehmerische Krise zumeist länger anhielten (Monate). Ein gutes Argument. Jedoch relativiert sich dieses, wenn man sich vor Augen hält, dass in der Unternehmenskrise so manche Maßnahme heute entschieden und angestoßen werden muss, die erst in 6 Monaten ihre Wirkung entfalten mag. Ich muss also hic et nunc entscheiden und nicht erst nach einer Diskussion mit meiner Umwelt. Des Weiteren – und dieses Argument ist sehr faktisch – verhält es sich so, dass typische Krisenführungskräfte nicht urdemokratisch in ihrer Wesensart sind. Sie sind gut, Mensch und Organisation durchs Feuer zu bringen. Wir Krisenmanager sind Silberrücken. Will man in der Krise Mensch und Organisation mit Hilfe von diesen Silberrücken in die Zukunft retten lassen, wird man sich diesen überlebenssichernden Vorteil dadurch erkaufen müssen, dass man Menschen auf Zeit das Ruder in die Hand gibt, die sehr gut im Treffen von schnellen Entscheidungen sind, aber weniger gut, so es um das Zuhören in der Krise geht.

Dann war doch Andreas Argument #2. Seinen Worten nach hatte Semco genau in der Krise die Partizipation für sich entdeckt. Und dies in einer harten, wirtschaftlichen Phase (1.000% Inflation). Lieber Andreas, dazu kann ich nichts sagen. Ich kenne den Fall Semco nicht und will mich jetzt nicht auf die Schnelle einlesen, um irgendwelche, ggf. zweifelhaften, Argumente gegen dein Argument mir aus den Rippen zu schneiden. Zudem will auch gar nicht behaupten, dass es keine anderen Wege in der Krise gäbe. Ich bin Silberrücken, ich kann Silberrücken, vielleicht in der Krise auch “nur” Silberrücken. Aber da ich gerade in keiner Krise bin, kann ich gut und gerne mit Dir und den Lesenden diskutieren. Mein Vorschlag daher: Lasst uns diskutieren, lasst uns ggf. erkennen, dass es mehr als einen Weg durch die Krise gibt. Aber lasst uns bitte auch erkennen, dass die „Diktatur auf Zeit“ ihre Berechtigung hat, wenn sie vorher in einem demokratischen Prozess in der „Unternehmens-Verfassung“ verankert wurde.

 

Herzliche Grüße

Bodo

 

Bildnachweis

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