Demokratische Preisbildung. Von wegen Eigennutzenmaximierung.

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Demokratische Preisbildung: Am 20. Juli erschien im Stern ein äußerst interessanter Artikel: “Bei dieser Milch bestimmen die Verbraucher den Preis selbst” vom Wirtschaftsredakteur Daniel Bakir. Die vielsagende Initiative “Du bist hier der Chef” des gleichnamigen eingetragenen Vereins zeigt einen innovativen, wirtschafts- und unternehmensdemokratischen Ansatz zu einer fairen und gemeinwohlorientierten Preisbildung.

Die Initiative

Der Deutsche Verein, der hinter der Initiative steckt, ist Teil einer viel größeren, internationalen Bewegung, “die viele Verbraucher in Europa (und sogar noch ein bißchen weiter weg) anspricht. Die Idee unserer Initiative stammt ursprünglich aus Frankreich, wo seit Ende 2016 die von Verbrauchern kreierten Produkte unter der Verbrauchermarke “C’est qui le patron?!” im Lebensmitteleinzelhandel erfolgreich vermarktet werden.” (Website des Vereins).

Demokratische Preisbildung durch die Initiative "Du bist hier der Chef"
Website der Initiative

Mittlerweile haben Verbraucher aus weiteren Ländern den Ball aufgenommen: Auch in Belgien, England, Griechenland, Italien, Marokko und Spanien sind Verbraucher aktiv geworden, um an der Preisgestaltung aktiv mitzuwirken, weit hinaus über den üblichen Marktmechanismus von Angebot und Nachfrage. Die Deutschen Vereinsmitglieder möchten einen fairen “Dialog auf Augenhöhe” aufbauen und erhalten, um die Produktion fairer und transparenter zu machen und “in Einklang mit ihren Werten zu bringen” (Website, “Über uns”): Transparenz, Gleichheit, Ethik, Dialog, Vertrauen, Ehrlichkeit und Verantwortung.

Dabei arbeitet der Verein zusammen mit der Unternehmergesellschaft “DBHDC – Die Verbrauchermarke UG”. Der Verein ist in der Rolle des Entscheiders und steuert die Initiative (Aufnahme und Betreuung der Verbraucher als Vereinsmitglieder, Aufsetzen von Abfragen, Optimierung & Weiterentwicklung von Produkten, Kontrolle der Produkterwartungen etc.). Die UG ergänzt dabei in der Rolle der Expertin zur Entwicklung und Vermarktung der Produkte (Marktanalysen, Suche von Produktionspartnern, Fragenbogenentwicklung, Pflichtenhefte etc.).

Da die deutsche Initiative noch recht neu ist, gibt es aktuell nur ein Produkt und einen Produktionspartner: Die Upländer Bauernmolerkei, die auch die Milch herstellt, bei der der Preis über die Initiative demokratische gebildet wurde. Als nächste, kommende Produkte sind Eier, Kartoffel und Butter annonciert.

Demokratische Preisbildung

Die demokratische Preisbildung – zum Vergrößern klicken. ©DBHDC e.V.

Bei der Entwicklung und Preisbildung des ersten DBHDC Produktes haben 9308 Verbraucher*innen mitgewirkt. Bei der Milch wurden verschiedene Parameter bei der Produktion bedacht: Weidezeit (mind. 4 Monate), ökologische Landwirtschaft, überwiegend Frischgras, regional hergestelltes Futter, Tierwohl, nachhaltige Verpackung, Faire Vergütung für Landwirte und weitere Hilfe für die Betriebe. Auch wenn mensch diese Auflistung deutlich zusammenfassen könnte, ist es doch eine vielfach gesündere und gemeinwohlorientiertere Produktion mit einem passenden Vertrieb.

Bei der Preisbildung zeigte sich eine überragende Mehrheitsmeinung, jenseits der üblichen Vorstellung des Homo oeconomicus, der angeblich immer und fortwährend den eigenen Nutzen zu maximieren gedenkt – was beim Preis heißt: Geiz ist geil. Aber von wegen: “Bei der Bezahlung der Landwirte sprachen sich 90 Prozent für eine faire Vergütung deutlich oberhalb des derzeitigen Marktpreises aus.” (Bakir 2020) Konkret heißt das: die DBHDC Milch kostet € 1,45 und liegt damit deutlich über dem durchschnittlichen Milchpreis.

Damit macht das erste Ergebnis dieser Initiative Mut. Es ist wieder mal offensichtlich nicht so, wie immer wieder kolportiert, dass die armen Erzeuger und Händler qua Verbraucher*innen gezwungen wären, alles allzeit maximal billig anzubieten. Natürlich ist diese Initiative im Vergleich zum gesamten Markt mikroskopisch klein, aber sie ist ein weiteres Beispiel, dass es auch anders geht. Und was die Milch betrifft, scheint es Wachstumspotenzial zu geben: “350 französische Milchbauern produzieren exklusiv für die französische Initiative, die bereits 160 Millionen Liter Milch abgesetzt habe, berichtet Rewe. Die französische Verbrauchermarke umfasst bereits rund 30 Lebensmittel-Produkte.” (Bakir 2020).

 

Nur dezentrale, lokale und demokratische Märkte sind krisenrobust

Die aktuelle Krise der Fleischindustrie mit Tönnies & Co, über die ich vor kurzem hier im Blog reflektierte, zeigt eindrücklich was passiert, wenn kleine, dezentrale, lokale Einheiten zugunsten industrieller, deutlich zentralisierter Lebensmittelindustrie zerstört werden. Da kommt der Gegenentwurf Du bist hier der Chef genau zur richtigen Zeit. Der enorme Preisdruck wie in der Fleischindustrie ist keineswegs in erster Linie der Billigheimerei der Verbraucher geschuldet. Auslöser war vielmehr die brutale Steigerung der Produktivität durch die Einführung des Fließbandbetriebs seinerzeit in Chicago. Und dann kam der Wettbewerb und damit der Preisdruck. Wenn allen Ernstes über eine Regelung nachgedacht wird, einen Verkaufspreis unterhalb der Produktionskosten zu verbieten, läuft etwas komplett schief, einmal mehr versagt die marktwirtschaftliche Selbstorganisation.

In dieselbe Scharte schlägt die Pandemie mit voller Wucht. In den letzten Jahren wurde der Preis hoch vernetzter, internationaler Produktion und Lieferketten deutlich, wie jetzt. Wir Verbraucher werden da nicht gefragt. Kundenorientierung und der Ganze Wirbel um Personas hat sicherlich in einigen Branchen oder zumindest Betrieben seine authentische Bedeutung, aber bei industriell produzierten Gütern steht der Wunsch von uns Kunden offensichtlich nicht im Zentrum der Bemühungen. Da fehlt alleine schon oft die Transparenz über Produktionsstätten, Lieferketten und dergleichen mehr.

Es dürfte auch kein Zufall sein, dass zunehmend mehr Menschen in der Globalisierung keineswegs nur einen Segen sehen: “In einer aktuellen SPIEGEL-Umfrage geben nur noch 38,3 Prozent der Befragten an, die Globalisierung eher als Chance anzusehen, 57,7 Prozent empfinden sie hingegen als Risiko. Zum Vergleich: Im Mai 2017 empfanden 63,5 Prozent der Befragten die Globalisierung als Chance, nur 38,8 Prozent bezeichneten sie als riskant.” (Bidder 2020) Dabei geht es natürlich nicht darum, die Globalisierung abzuschaffen. Das wäre illusionär. Es geht um eine konstruktiv-kritische Haltung. Und ein Teil davon ist die Frage, was sinnvollerweise lokal produziert und distribuiert wird, und was nicht. Und ob wir Verbraucher nicht etwas mehr über die Erzeugung und den Vertrieb mitbestimmen sollten. Wir brauchen mehr Unternehmens- und Wirtschaftsdemokratie.

 

Herzliche Grüße

Andreas

 

Quellen

 

Bildnachweis

  • Beitragsbild: ©Christian Dubovan, unsplash lizenzfrei
  • Website DBHDC: ©DBHDC, Screenshot
  • Milchpackung: ©DBHDC, Screenshot

 

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