Wer und was spaltet unsere Gesellschaft?

Spaltung

Das Narrativ der gespaltenen Gesellschaft macht immer mehr die Runde. Wohl nicht ganz unberechtigt, wenn wir uns in der aktuellen Situation umschauen. Uns hat es allerspätestens mit Corona erwischt und den anstrengenden Diskussionen, Debatten und Streitereien über die Realität eines SARS-CoV 2 Virus und seiner Folgen, über die Wirkung und Sicherheit von Impfstoffen, die Angemessenheit von Einschränkungen der Bewegungsfreiheit etc. Aber das Phänomen ist beileibe nicht neu und wird auch durch andere Inhalte befeuert, wie 2015/2016 in der damaligen US Präsidentschaftswahl. Daraus folgt eine zentrale Frage: was sind die Ursachen und was können wir dagegen unternehmen?

Die Antwort auf diese Fragen ist zweifelsfrei nicht eindimensional. Allerdings scheint es Menschen zu geben, die das anders sehen und die „Schuldigen“ schnell identifiziert haben. Irgendjemand hatte neulich in einen Post über #hatespeach auf der immer unseligeren Plattform LinkedIn festgestellt: Es sei die AfD, die spaltet, all die Rechtspopulist:innen, Nazis, Reichsbürger:innen … Das greift viel zu kurz. Die Aussage, das damit Ursache und Wirkung verwechselt würden, trifft es aber auch nur zum Teil. Denn natürlich spaltet die AfD und ihre (prä)faschistischen Scherg:innen. Sie brauchen die Spaltung, denn ohne sie würden sie in der völligen Bedeutungslosigkeit versinken. Aber diesen verschiedenen Gruppen alleine den schwarzen Peter für die Spaltung  zuzuschieben, ist nicht wirklich durchdacht. Die Ursachen sind wohl eher eine viel komplexere Melange. Im Folgenden meine “Favoriten”, auf die die augenscheinlich zunehmende gesellschaftliche Spaltung zurückgeht:

Meritokratie

Es hat schon prophetischen Charakter, was die Herkunft des Begriffs angeht: 1958 veröffentlichte der britische Soziologe und Politiker Michael Young seine Satire Rise of the Meritocracy. Die Bürger:innen verdienen sich ihre jeweilige gesellschaftliche Stellung und Position durch ihre – natürlich gemessene – Intelligenz und Leistung. Bei Young führte das zu genau dem, was wir heute beobachten: Eine zunehmend abgeschottete Leistungselite erobert im Kampf um die besten Leistungen die jeweils relevanten Führungspositionen und gestaltet von dort aus die Gesellschaft. Bei Young endet das in einer selbstzerstörerischen Leistungsdiktatur. Und was wurde daraus im echten Leben? “Leistung muss sich wieder lohnen” und ähnlich griffige, markante Sprüche. Derartig grober Unfug ist nur möglich, weil unsere heutige Leistungsgesellschaft historisch tief verankert ist.

Da ist zunächst das Narrativ des amerikanischen Traums. Jeder, der sich wirklich anstrengt, jede, die es wirklich will, kann es schaffen. Vom Tellerwäscher zum Millionär, von der Putzfrau zur Professorin. Das hatte lange Zeit eine gewaltige Wirkung. Die USA waren das “Land der unbegrenzten Möglichkeiten”. Es steht außer Frage, dass es solche Geschichten gab. Und es wird auch zukünftig weitere geben. Dabei werden aber ein paar grundlegende Zutaten vergessen oder gar bewusst ignoriert: Zuallererst die Gnade der richtigen Geburt. Wenn Du im Mittelalter als Mädchen eines Bauern geboren wurdest, konntest Du nicht alles werden was Du wolltest. Selbst wenn Du heute in Deutschland aber mit einem IQ von 90 geboren wirst, ist Deine berufliche Karriere mit allergrößter Wahrscheinlichkeit wesentlich begrenzter, als mit 30 oder 40 Punkten mehr. Aber sogar wenn Dir der richtige Zeitpunkt, ein vielversprechendes genetisches Ausgangsmaterial und tolle Eltern in der richtigen gesellschaftlichen Schicht vergönnt sind, spielen auch auf dem Karriereweg danach weitere Zufälle eine wesentliche Rolle. Ist das, was Dich später beruflich interessieren wird, gesellschaftlich ausreichend gewürdigt? Wieviele kluge Krankenpfleger:innen oder Ärzt:innen lieben ihren Job und gehen deshalb daran zugrunde, weil wir es bis heute nicht geschafft haben, den sozialen Return on Invest zur Grundlagen der gesellschaftlichen Anerkennung und Gehälter aller Berufe zu machen (vgl. Zeuch 2020)?

Kurzum: Die Meritokratie, das alberne Narrativ der Leistungsgesellschaft, missachtet erstens in aller gröbster Weise die Lotterie des Lebens. Zweitens unterschlagen ihre Vertreter:innen die Tatsache, dass niemand ihre und seine Leistungen alleine erarbeitet hat. Es gab auf dem langen, steinigen Weg viele Menschen, ohne die die spätere Spitzenleistung niemals möglich geworden wäre. Leistung ist immer ein sozialer Akt. Niemand hat jemals Spitzenleistungen alleine ohne die Hilfe anderer erbracht. Das Fatale an diesem Narrativ ist jedoch, dass es uns genau das suggeriert. Es ist das (neo)liberale Credo, dass es an uns alleine liegt. Und wenn wir dann am Ziel unserer Träume angelangt sind, schreiben wir uns diese Leistung selber zu. Schließlich haben wir hart dafür gearbeitet und meist auf so vieles schmerzlich verzichtet. Im logischen Umkehrschluss sind dann alle, die ihre Träume nicht verwirklichen konnten, die nicht an der Spitze stehen, selber an ihrer Misere Schuld. Sie haben sich nicht ausreichend bemüht, haben zu schnell aufgegeben, und so weiter. Denn schließlich sind wir ja alle unseres Glückes Schmied:in, womit die Wurzeln der individuellen Leistungszuschreibung noch weit tiefer reichen (“Fabrum esse suae quemque fortunae.” so möglicherweise schon der römische Konsul Appius Claudius Caecus, 340-273 v.Chr.). Dieses gesammelte Elend der Meritokratie, ihre Dummheit und Verlogenheit hat der US amerikanische Professor für politische Philosophie, Michael Sandel, in seinem äußerst lesenswerten Buch “Vom Ende des Gemeinwohls” präzise entlarvt.

Gesellschaftliche Spaltung - weil wir so viele Leistungen nicht als Leistung anerkennen.
Wer spricht von Leistung in der Hospizarbeit?

Letztlich stellt sich noch die Frage, was in der Meritokratie überhaupt als Leistung anerkannt wird. Leider ist die Antwort relativ offensichtlich: Es ist vor allem beruflicher Erfolg. Und der wird wiederum in erster Linie monetär bewertet. Du hast viel geleistet, wenn Du Jeff Bezos heißt. Oder wenn Du ein unternehmerischer Popstar wie Elon Musk geworden bist. Oder wenn Du eine Spitzensportlerin bist, das können wir nämlich auch wunderbar stupide messen. Und als Spitzensportlerin wirst Du natürlich von Angeboten als Werbebotschafterin überhäuft oder bekommst als Jahrhundertalent (sic!) Spielerverträge mit astronomischen Vergütungen, die bei unsrem Pflegepersonal viel besser aufgehoben wären. Aber wie kannst Du Leistung leisten, die sich doch angeblich wieder lohnen soll, wenn Du im Hospiz Menschen in den Tod begleitest, der von unserer Gesellschaft weitestgehend verdrängt wird? Dann darfst Du Dich auf eine Hungerrente freuen.

Die Meritokratie trägt maßgeblich zur gesellschaftlichen Spaltung bei, weil sie (a) Leistung viel zu eindimensional versteht, (b) die Kontextbedingungen der Leistung leugnet und sie (c) Einzelpersonen zuschreibt.

Mangelnde Chancengleichheit und soziale Mobilität

Eng mit der Leistungsgesellschaft verknüpft ist das Problem der mangelnden Chancengleichheit und sozialen Mobilität. Wenn die meritokratische Erzählung keine einfache Lüges sein soll, muss sie zumindest ansatzweise funktionieren. Und das bedeutet berufliche Chancengleichheit und soziale Mobilität, also aus niedrigeren sozialen Schichten in höhere aufsteigen zu können. Aber genau daran mangelt es. Am 01. Dezember wurde der Beitrag “Das gebrochene Versprechen der sozialen Marktwirtschaft” veröffentlicht (Bidder 2021).

 

Literatur

  • Bidder, B. (2021): Das gebrochene Versprechen der sozialen Marktwirtschaft. Spiegel+

 

Bildnachweis

  • Beitragsbild: Arme Kinder {©SwapnIl Dwivedi, unsplash lizenzfrei), Reichtum (©Nate Johnston, unsplash lizenzfrei), mashup ©Andreas Zeuch

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