Gestaltung einer zukunftsfähigen, innovativen und resilienten Politik

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Politik: In diesem Gastbeitrag reflektieren unsere Kolleg:innen Kerstin Bertsch und Claudia Lutzschewitz über die Möglichkeiten und Notwendigkeiten, um Politik zukunftsfähig, innovativ und resilient zu gestalten

Ein kleines Gedankenexperiment

Stellen wir uns vor, in der Politik würden die Menschen miteinander agieren, als kollaboratives und co-kreatives Team!
Was würde dann besser funktionieren und was könnte realisiert werden?
Wer würde davon profitieren?
Was wäre dann anders in „der Politik“?
Was heißt das genau?

Momentane politische Situation – von Kollaboration keine Spur

Politik: Abgeordnete auf der Seite des Bundestags
Abgeordnete auf der Seite des Bundestags

Im Wahlkreis sind sie Könige, in Berlin häufig nur Hinterbänkler. Obgleich, die Abgeordneten*innen des Deutschen Bundestages scheinen das Rückgrat unserer Demokratie zu bilden. Sie beschließen Gesetze, verteilen Milliarden des Bundeshaushaltes und schicken deutsche Soldaten in gefährliche Auslandseinsätze (vgl. Dausend/Knaup 2020). Viele treten ihr Amt mit hohen Idealen an. Doch anstatt sich für das Gemeinwohl einsetzen zu können werden sie mit Konkurrenzdruck und Machtkämpfen konfrontiert. Es lastet ein hoher psychischer Druck auf den Abgeordneten*innen und nicht alle halten diesem Druck stand.

Der Wunsch nach einem anderen Umgang ist groß und doch ändert scheinbar keiner etwas daran. Wer in der Politik agiert, dem wird schnell deutlich, dass nur wer das Spiel mitspielt, eine Chance hat, in eine einflussreiche Position zu gelangen. Angriff gilt scheinbar als beste Verteidigung. Mehr oder weniger geschriebene Regeln wie bspw. der Fraktionszwang verhindern zusätzlich, dass das Individuum sich einbringen kann und verschiedene Meinungen gehört werden Können Menschen in einem solchen Umfeld tatsächlich das Rückgrat einer Demokratie darstellen? Können sie wichtige Entscheidungen treffen und große Veränderungen anstoßen? Nach Hannah Arendt entsteht Politik nicht im Menschen, sondern zwischen Menschen in ihrer Verschiedenheit. Die Verschiedenheit bezeichnet Hannah Arendt als „Pluralität“, ein wichtiger Bestandteil – wie Menschen in ihrer Verschiedenheit ihre gemeinsame Welt gestalten. Auch in der Anlehnung an die griechische Polis [1].

Gedanken zur Politik von Morgen

Es zieht schon seit langer Zeit ein Raunen durch die Bevölkerung. Es herrscht eine große Unzufriedenheit bis hin zu Frustration gegenüber unserem aktuellen politischen System – sowohl innerhalb der Politik als auch innerhalb der Gesellschaft. Es überrascht nicht, dass viele sich dazu entschieden haben, die Politik zu ignorieren, vor ihr vielleicht sogar zu flüchten oder sie zu meiden (vgl. O’Gorman 2021). Wie aber kann es anders gehen?

In unserem Podcast Servant Politics lassen wir Menschen zu Wort kommen, die Impulse hierzu geben möchten. Die meisten Podcast-Gäste fordern eine dringende Veränderung. Einige davon sind der Meinung, dass unser derzeitiges System ausgedient hat und nicht mehr sanierungsfähig ist. Es geht ein Ruck durch viele Gedanken, dass es ein neues System braucht, da das aktuelle davon abhält, gemeinsam mit Komplexität bestmöglich umgehen zu können.  Komplexität ist nicht beherrschbar. Zentralismus gerät demnach an Grenzen, sobald es komplex wird. Die Folge daraus ist mehr kollektive Intelligenz in der politischen Entscheidungsfindung zu etablieren. Und es müssen mehr Repräsentanten*innen über die Politik hinaus miteinbezogen werden.

Doch ein System neigt grundsätzlich dazu, sich selbst zu erhalten. Ferner sind im aktuellen System Politiker*innen gezwungen, nach Macht zu streben, um Einfluss nehmen zu können. Es ist also nicht zu erwarten, dass die aktuellen Politiker*innen diejenigen sind, die große systemische Veränderungen durchführen können und werden. Es braucht kompetenz- und disziplinübergreifende, systemisch geschulte Beraterstäbe bspw. in Form eines Gremiums, die das System betrachten, hinterfragen und neu denken. Es braucht Leuchtturmprojekte für Innovationen. Dafür müssen Dialoge in verschiedene Richtungen (wie bspw. Debatten und Diskussionen u.a. zu den Themen: bedingungsloses Grundeinkommen, ein System ohne Parteien, Organisationsformen wie Liquid Democracy usw.) zugelassen werden. Doch können diese notwendigen Veränderungen des institutionellen Rahmens mit der momentan gelebten und realisierten Kommunikationskultur angestoßen werden? Ist damit die so wichtig erscheinende Transformation möglich?

Paradigmenwechsel in der Politik – Wozu Kooperation?

Politik: Aristoteles spielt bis heute eine wichtige Rolle
Aristoteles.

Nach Aristoteles liegt es in der Natur des Menschen, sich mit anderen zusammenzufinden, um die politische Gemeinschaft zu stärken. Kooperation untereinander wird als eines der natürlichsten und zeitgleich gewinnbringendsten Mittel des Menschen beschrieben. Eine Studie des Psychologen Michael Tomasello, bei der er das kooperative Verhalten von Kleinkindern testete, bestätigt, dass uns Menschen kooperatives Verhalten angeboren ist (vgl. Wulf 2017). Warum aber handeln Politiker*innen mit ihren Machtkämpfen scheinbar gegen ihre Natur? Das menschliche Verhalten wird u.a. beeinflusst von seiner Umwelt – das Erleben in der Gegenwart, Erfahrungen aus der Vergangenheit und Erwartungen für die Zukunft. Eine wichtige Voraussetzung für ein kooperatives Verhalten ist Vertrauen. Ein Mensch handelt nur dann kooperativ, wenn er darauf vertrauen kann, dass er darauffolgend auch von seinem Gegenüber ein kooperatives Verhalten erwarten kann. Wurde das Vertrauen missbraucht, so wird man in der Zukunft dieser Person nicht mehr kooperativ begegnen (vgl. Franken 2019).

Grundlage für Vertrauen ist auch eine ehrliche und transparente Darstellung der eigenen persönlichen Identität, der eigenen Werte und Ziele (vgl. Pastoors 2019). Dem widerspricht bereits der Fraktionszwang. Wer nicht zu seiner eigenen Meinung stehen darf und sich entsprechend ggf. gegen seine persönlichen Werte verhält, wirkt nicht mehr vertrauenswürdig und kann nicht mehr als kooperativer Partner wahrgenommen werden. Entsprechend ist auch von einem Gegenüber kein kooperatives Verhalten mehr zu erwarten. Wem kein kooperatives Verhalten widerfährt, stellt selbst das kooperative Verhalten ein – damit wird nachvollziehbar, warum Politik und Kooperation vielfach im Widerspruch gesehen wird. Der Teufelskreis scheint vorprogrammiert, aus dem ein*e Einzelne*r kaum eine Chance hat auszubrechen.

Politische Kollaboration – die Idee von Servant Politics

Am oben aufgeführten Teufelskreis setzt Servant Politics an. Das Projekt will die Parteien an einen gemeinsamen Tisch bringen, gemeinsam einen Richtungswechsel anzustoßen. Mit Blick auf eine neue politische Generation – die Politik von morgen – werden die Jugendorganisationen der (im Bundestag vertretenen, demokratischen) Parteien angesprochen. Hinsichtlich der Komplexität an Herausforderungen, denen die Gesellschaft – und dementsprechend auch die Politik – gegenüberstehen, reicht jedoch Kooperation nicht mehr aus. Es braucht die nächste Stufe, die Kollaboration in der Politik. Was ist damit gemeint? Was ist der Unterschied zwischen Kooperation und Kollaboration?

  • Kooperation ist das gemeinsame Erarbeiten von einzelnen Personen oder Teams in ihrem Fachgebiet an unterschiedlichen Teilaufgaben des Endergebnisses. Das bedeutet, dass die jeweiligen Mit-Wirkenden nicht an der Entwicklung aller Ergebnisse beteiligt sind, sondern nur an denen, die zu ihrem Fachgebiet gehören. KURZ: die Entwicklung erfolgt parallel! 
  • Bei Kollaboration dagegen entwickeln Personen oder Teams aus verschiedenen Fachgebieten gemeinsam Teilaufgaben. Kollaboration erfolgt folglich sequenziell. Wichtig dafür sind Transparenz, Offenheit, Zutrauen, Vertrauen, Selbstorganisation und Eigenverantwortung.

Schnell wird klar, dass es keine schnellen und einfachen Antworten auf den Umgang mit der Klimakrise oder dem Russland-Ukraine-Krieg gibt. Keine Partei kann für sich beanspruchen, die gesuchten Lösungen zu haben. Wird lediglich ein Kompromiss aus den Lösungsansätzen der regierenden Parteien verfolgt, so ist selbsterklärend, dass dies nicht mal annähernd die Komplexität erfassen kann. Auch wenn es DIE Lösung wahrscheinlich nie geben wird, so kann eine Annäherung an diese nur durch Kollaboration ermöglicht werden. Kollaboration, bei der unter Berücksichtigung der verschiedenen Perspektiven, neue Lösungen geschaffen werden. Verschiedene Perspektiven, die es braucht, um die Komplexität annähernd erfassen zu können. Komplexität braucht kollektive Intelligenz, gestärkt durch und mit Kollaboration. Agieren wir innerhalb Deutschlands nicht kollaborativ, können wir auch innerhalb Europas keine kollaborative Rolle einnehmen.

Mit Servant Politics zur Kollaboration

Gute Probleme gibt es in Politik und Gesellschaft ausreichend, Zersplitterung, Polarisierung und Rivalität werden aktiv er- und gelebt, um nur einige der Probleme zu benennen. Servant Politics verfolgt den Ansatz den politischen Status quo mitzuverändern, mit dem Ziel, eine zukunftsfähige Gesellschaft, die mutig auf Veränderungen reagiert und Themen, wie beispielsweise die Klimakrise proaktiv angeht, zu ermöglichen. Gemeinsam soll der Blick aus der Metaperspektive für die Politik der Zukunft (von außen nach innen) gerichtet werden. Gemäß dem Grundsatz: Für alle, die an eine Zukunft glauben, die wir gemeinsam gestalten können! Das Projekt will dazu beitragen, dass die Jugendorganisationen der Parteien zusammenwachsen und aktiver im Austausch, genauer im kollaborativen und co-kreativen Miteinander agieren. Die dazu gedankenanstoßenden Inhalte des Projekts basieren auf verschiedenen wissenschaftlichen und praxisorientierten Schultern. Das Projekt soll ein Anstoß eines gemeinsamen (Transformations-) Prozesses sein, den die Jugend nachhaltig weiterentwickelt: 

  • Die New Work-Gedanken Frithjof Bergmanns [2]: Veränderungen von Strukturen und Prozessen werden grundsätzlich durch (anfänglich innere) Transformation begleitet (vgl. Breidenbach/Rollow 2­­­­­­­019). Volatile Märkte, neue Technologien, Klimaziele sowie veränderte menschliche Bedürfnisse stellen Traditionelles oft grundlegend in Frage. Um die Zukunft zu sichern, muss die Komfortzone verlassen und Neues gewagt werden – Stichwort VUCA-Welt (vgl. Spiegel et al. 2021).
  • Future Literacy: Zusammenhänge schnell erkennen – Zugang zum Raum der Möglichkeiten – Verständnis der Zusammenhänge. Future Literacy ist die Fähigkeit, die es Menschen ermöglicht, die Rolle der Zukunft in dem was sie sehen und tun, besser zu verstehen. Zukunftskompetenz stärkt die Vorstellungskraft, verbessert Fähigkeiten der Wahrnehmung und dem Erkennen von Zusammenhängen, wenn Veränderungen auftreten. Systemisches Denken (neu) lernen – denn Pioniere der Next Generation denken in Kontexten des Wandels und integrieren sich in die Welt und umgekehrt – Antriebs-, Potenzial und Werthebel (vgl. Spiegel et al. 2021)
  • Der Theorie U Gedanken von Otto Scharmer [3]: Wie sich eine Situation entwickelt, hängt davon ab, wie man an sie herangeht, das heißt von der eigenen Aufmerksamkeit und Achtsamkeit. „Von der Zukunft her führen“ bedeutet, Potentiale und Zukunftschancen zu erkennen und im Hinblick auf aktuelle Aufgaben zu erschließen. „Presencing“ aus „presence“(Anwesenheit) und „sensing“ (spüren) nennt Scharmer diese Fertigkeit zur Entwicklung – Zukunftsfähigkeit.  
  • Der Dialog Gedanken von dem US-amerikanischen Quantenphysiker und Philosophen David Bohm: Dem Dialog Tiefe geben, die ihm im Zeitalter der Kommunikation & Diskussion abhandengekommen ist. Besprechung, Meeting, Gesprächsrunde nennt man heute Versammlungen, in denen Standpunkte vorgestellt, Argumente ausgetauscht, Positionen verteidigt, Gedanken ausgeführt und Theorien angerissen werden. Der Zweck solcher Gespräche ist es, den Status quo der Differenz zu klären, sich auf Ziele zu einigen und Unstimmigkeiten auszuräumen.
    Der Dialog als ein grundsätzlich gelungenes, die Teilnehmer*innen mit neuen Erfahrungen und Erkenntnisse belohnendes Gespräch – ist eine Chance, Neues zu entdecken, keine Garantie, Altes zu bewahren (vgl. Bohm 2005).
  • Die Themen Haltung und Werte (Transparenz, Offenheit, Selbstorganisation und Eigenverantwortung): was Wertekompetenz heißt, Wertebewusstsein meint und das dynamische Wechselspiel zwischen Individuum und Gemeinschaft sowie Werteorientiertes Handeln (vgl. Spiegel et al. 2021).
  • Der Gedanken der Systemtheorie & Kybernetik nach Niklas Luhmann [4], Heinz von Foerster [5] und Paul Watzlawick [6]: das Denken der Konstruktivisten anbieten und diskutieren, eintauchen in das Systemische Denken (Reife-Evolution und Co-Kreation). Vernetztes Denken auf mehreren Ebenen/Ordnungen. Was systemisches Führen meint – man kann nicht nicht kommunizieren (vgl. Spiegel et al. 2021).

Es ist an der Zeit, das scheinbar Selbstverständliche neu zu entdecken. Albert Einstein hat darauf hingewiesen, „dass die Probleme, die es in der Welt gibt, nicht mit der gleichen Denkweise zu lösen sind, die sie erzeugt hat“ und „dass es Wahnsinn (sei) immer in der gleichen Weise zu verfahren und dabei auf neue Ergebnisse zu hoffen.“

Konzeption – vom Ich zum Wir

Unsere Leistungsgesellschaft, die auf permanenten, gegenseitigen Wettbewerb ausgerichtet ist, hatte es bisher nicht im Fokus, kollaborative Kompetenzen zu fördern. Es ist daher den Politiker*innen nicht unbedingt ein Vorwurf zu machen, dass sie nicht einfach ab morgen anfangen (können), kollaborativ zu arbeiten. Kollaboration will gelernt sein, denn es braucht hierfür eine Vielzahl an Kompetenzen, u.a. Kommunikationskompetenz, Kritikfähigkeit, Reflexionskompetenz, Konfliktkompetenz, Entscheidungsfähigkeit, Ambiguitätstoleranz. Und wie bereits beschrieben braucht es zusätzlich ein Umfeld, das Kollaboration fördert. Daher sind die Workshops des Projekts in drei Ebenen strukturiert:

  • Auf der Mikro-Ebene geht es um die Einzelpersonen, die dort die Möglichkeit bekommen, sich mit den genannten Kompetenzen auseinander zu setzen und dazu zu lernen.
  • Auf der Meso-Ebene erarbeiten die Teilnehmer innerhalb der ihrer Partei, was es braucht, damit Kollaboration stattfinden kann – wie müssen die Rahmenbedingungen angepasst werden, um Kollaboration zu ermöglichen.
  • Bei der Makro-Ebene geht es darum, die Parteien zusammen zu bringen und die Erfahrungen und Erkenntnisse aus der Meso-Ebene überparteilich umzusetzen.

Damit nicht nur die Wahrnehmungen und Impulse einer kleinen Gruppe berücksichtigt werden, werden die Ergebnisse durch zwei quantitative Umfragen innerhalb der gesamten Jugendorganisationen der teilnehmenden Parteien gestützt – die erste Umfrage fragt den wahrgenommenen Status quo innerhalb der Jugendorganisationen ab (Wahrnehmung der Teamfähigkeit). Die zweite Umfrage soll Feedback geben, wie die Jugendorganisationen zu den in den Workshops ausgearbeiteten Konzepten stehen. Neue Impulse sollen in die Konzepte fließen und diese weiter optimieren. 

Ziel von Servant Politics ist, einen Anstoß für einen kontinuierlichen Prozess zu liefern, der im Kleinen immer wieder neue Ideen ausarbeitet und testet, damit sich ein zukunftsfähiges Konzept entwickeln kann – das politische System von morgen entwickelt von der politischen Generation von morgen. Begleitet und unterstützt wird das Projekt von Expert*innen aus der Wirtschaft (systemische Berater*innen, Mediator*innen etc.). Bisher geschieht dies auf ehrenamtlicher Basis einiger Idealist*innen. Um langfristig entsprechendes Know-How sicherstellen zu können, benötigt das Projekt jedoch finanzielle Unterstützung (ein Punkt, der gerade ín Arbeit ist).

Zeit für eine Veränderung – Zeit für Kollaboration 

Die politischen Parteien haben in der Geschichte der Bundesrepublik viel Gutes geleistet. Das System hatte lange Zeit durchaus seine Berechtigung. Aber wenn sich die Zeiten ändern, muss sich das System anpassen. Die Welt ist komplexer und schnelllebiger geworden. Wir brauchen mehr Zusammenhalt, um die daraus entstehenden Herausforderungen zu meistern. Keine Partei kann für sich beanspruchen, Lösungen für die großen Krisen bieten zu können und erst recht nicht einzelne Personen innerhalb der Parteien. Es braucht die kollektive Intelligenz vieler, v.a. von verschiedenen Perspektiven. Auch braucht es wieder mehr Nähe zur Gesellschaft. Nicht nur um die kollektive Intelligenz verschiedenster Menschen nutzen zu können, sondern auch um wieder Vertrauen in die Politik zurückzugewinnen und mehr Akzeptanz von Maßnahmen erreichen zu können. Für die Klimakrise wird es bspw. nicht reichen, wenn nur aufgezwungen Maßnahmen der Politik umgesetzt werden.

So naheliegend dies auch klingen mag, ist es illusorisch zu fordern, ab jetzt soll die Politik kollaborativ agieren. Ein System lässt sich nicht von heute auf morgen ändern. Und entsprechend auch nicht die Menschen, die sich diesem System angepasst haben. Servant Politics setzt daher bei der zukünftigen Generation an. Sie sollen erleben, dass sie selbst Einfluss auf das System nehmen können und Gestaltungsmöglichkeiten haben, solange sie an einem Strang ziehen. Wir brauchen ein lebendiges System, das sich mit den gestellten Herausforderungen stetig weiterentwickelt und darin agierende Menschen, die damit umgehen können.

Servant Politics bietet daher den Jugendorganisationen der Parteien einen Experimentierraum, erste Schritte in diese Richtung zu gehen – aus dem Kleinen etwas Großes wachsen zu lassen.

 

Herzliche Grüße

Claudia Lutschewitz und Kerstin Bertsch

 

Fußnoten

[1] In der Polis treffen sich Gleiche, die durch Miteinander-Sprechen und -Reden, gemeinsame Angelegenheiten regeln. Politik ist folglich nicht Herrschaft (also weder herrschen noch beherrscht werden), sondern ein öffentlicher Raum unter gleichgestellten Bürgern. Zwang und Gewalt werden dabei verachtet, haben daher in der Polis keinen Raum/Platz. Ebenso sind weder die Gesetzgebung noch die Außen-„Politik“ Teil der Polis. Denn erst seit den Römern enthält das Politikverständnis auch die Außenbeziehungen zwischen Staaten (Bündnis- und Vertragspolitik). D.h., erst seit den Römern ist Politisches vorrangig Gesetzgebung. In der Polis dient der öffentlich-politische Raum den gleichgestellten Bürgern, so dass diese miteinander in Kontakt kommen, sich mit Gleichgesinnten austauschen, verschiedenen Standpunkte kennen- und verstehen-lernen und bei gemeinsamen Angelegenheiten kollaborieren. Politik im Sinne der Polis meint folglich, miteinander zu sprechen/reden und andere zum miteinander Handeln anzuregen.

[2] Frithjof Bergmann war ein österreichisch-US-amerikanischer Sozialphilosoph und Anthropologe sowie Begründer der „New-Work“-Bewegung.

[3] Otto Scharmer ist ein deutscher Ökonom, Senior Lecturer und Aktionsforscher am Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Cambridge, USA und Gründer des dortigen Presencing Institute.

[4] Niklas Luhmann war ein deutscher Soziologe und Gesellschaftstheoretiker. Als wichtigster deutschsprachiger Vertreter der soziologischen Systemtheorie und der Soziokybernetik zählt Luhmann mit seiner Systemtheorie zu den Klassikern der Soziologie im 20. Jahrhundert.

[5] Heinz von Foerster war ein österreichischer Physiker, Kybernetiker und Philosoph.

[6] Paul Watzlawick war ein österreichischer Philosoph, Psychotherapeut und Kommunikationswissenschaftler.

 

Literatur

  • Bohm, D. (2005), Der Dialog. Das offene Gespräch am Ende der Diskussionen, 4. Aufl., Stuttgart.
  • Breidenbach, J./Rollow, B. (2019), New Work needs Inner Work. A handbook for companies on the way to self-organisation, München.
  • Dausend, P./Knaup, H. (2020), “Alleiner kannst du gar nicht sein”. Unsere Volksvertreter zwischen Macht, Sucht und Angst, München.
  • Franken, S. (2019), Verhaltensorientierte Führung. Handeln, Lernen und Diversity in Unternehmen, 4. Aufl., Wiesbaden.
  • O’Gorman, N. (2021), Politik für alle. Hannah Arendt lesen in unsicheren Zeiten, München.
  • Pastoors, S. (2019), Psychologische Grundlagen Zwischenmenschlicher Kooperation. Bedeutung Von Vertrauen Für Langfristig Erfolgreiche Zusammenarbeit, Wiesbaden.
  • Spiegel, P./Pechstein, A./Ternès, A./Grüneberg, A. (Hrsg.) (2021), Future Skills. 30 Zukunftsentscheidende Kompetenzen und wie wir sie lernen können, München.
  • Wulf, T. (2017), Kooperation und Kompetition im Videospiel. Der Einfluss sozialer Interdependenz auf Stimmung und prosoziales Verhalten, Wiesbaden

 

Bildnachweise

  • Beitragsbild: ©Felix Mittermeier, pixabay lizenzfrei
  • Website Abgeordnete: dito
  • Aristoteles: ©Lysipp-Jastrow, gemeinfrei
  • Servant Poliitics: ©Servant Politics



Comments (2)

Klasse! Aber LinkedIn sagt du hättest mich erwähnt..
Mach’s gut wünscht Ragna

Moin und vielen Dank für den Beitrag. Ich teile die Analyse und den Gedanken dahinter. Finde es aber schwierig von den nachfolgenden Generationen mehr zu erwarten als von uns selbst. Probleme auf Kosten der Zukunft zu lösen ist ja keine neue oder gute Idee. Unsere gesellschaftliche Organisation wäre ja nicht an so vielen Stellen degeneriert, wenn der hübsche Evolutionsgedanke der bei dem Ansatz im Hintergrund leuchtet, funktionieren würde. Und gleiche Interessen kollaborieren doch überall, wo es um Geld und Macht geht, nur eben nicht enkelgerecht oder einem sozialen Sinne. Immer Vorsicht bei Argumentationsmustern und logischen Ketten, wie sie auch von neoliberalen Theorien gebraucht werden! Aus welcher Quelle speist sich das Recht anderen zu sagen, was für sie richtig ist? Und ist das nicht vielleicht ein Ansatz, der implizit zu Elitenbildung führt? Die geforderte Reflexionsfähigkeit selbst anzuwenden, würde auch diese Idee zukunftsfester machen …
Ich glaube da braucht es dringend u.a. zusätzlich einen Abgleich mit dem Menschenbild, auf das ja auch Andreas verwiesen hat, und dem Bildungsbegriff bzw. das Verständnis von Bildung usf..
Ich habe selber entschieden Aristoteles zu lesen, habe aber auch zuvor am Vorbild von “Lebenslehrern” gelernt, die gar nicht wussten oder beabsichtigten das für mich zu sein. Hervorheben würde ich die Notwendigkeit Diskus- und Möglichkeitsräume zu schaffen. Nicht einmal indirekt würde ich mir erlauben, Argumentationen zu schaffen, die die Verantwortlichen aus ihrer Verantwortlichkeit entlassen. Das wird missbraucht – versprochen!

Klingt etwas kritischer, als es gemeint ist, finde das ist ein guter Anfang, aber für mein Gefühl zu unfertig, um es zur Methode zu erheben oder zu institutionalisieren.

Würde mich über weitere Stimmen dazu freuen.

Beste Grüße
Peter

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