Qualitative Folgestudie zu Selbstorganisation und Unternehmensdemokratie

Beitragsbild Studie 2

Am 14. Januar 2021 präsentierten wir unsere erste explorative Studie “Unternehmensdemokratie zwischen Utopie und Wirklichkeit”, an der 175 Unternehmen teilnahmen. Die Studie hatte den Zweck, einen ersten groben Einblick zu bekommen, wie es um Unternehmensdemokratie, Selbstorganisation und Partizipation in deutschsprachigen Unternehmen steht. Die Untersuchung war größtenteils eine quantitative, nicht repräsentative Umfrage mit einigen sehr wenigen offenen Fragen, die aber zu keinen Antworten führten, die eine tiefergehende Analyse ermöglichten. So entstand der Wunsch, wenn schon keine repräsentative, so doch wenigstens eine Folgestudie durchzuführen, die mehr, detailliertere und weitreichendere Aussagen ermöglicht. Und so kamen wir auf eine Idee.

Wir verfügen über eine interessante Sammlung von 48 durchschnittlich einstündigen Interviews zur Selbstorganisation aus verschiedenen Unternehmen. Diese semistrukturierten Interviews sind eine solide Grundlage für eine qualitative Datenanalyse – die wir für eine Folgestudie zu unserer ersten Untersuchung nutzen können. Dieser Verbindung drängte sich fast schon auf, da Christian Kroll (Universität Mannheim und Wittenberg-Zentrum für Globale Ethik) bereits bei der ersten Studie im Team dabei war und im Rahmen seiner laufenden Dissertation unsere Interviews untersuchen kann. Freundlicherweise erklärten sich alle Geschäftsführungen der Unternehmen zur Auswertung im Rahmen unserer zweiten Studie bereit.

Rahmendaten

Christian Kroll
Christian Kroll

Zielsetzung: Hauptziel des Projekts ist es, wichtige Erkenntnisse im Bereich Selbstorganisation und Unternehmensdemokratie zu erhalten. Besonders interessieren uns dabei Aspekte der Transformation hin zu mehr Selbstorganisation und Unternehmensdemokratie, Dynamiken und Spannungsfelder, Strukturen und Prozesse, die zu gelungener Selbstorganisation und Unternehmensdemokratie beitragen, sowie ethische Implikationen. Die Ergebnisse planen wir in international renommierten Peer-Review Zeitschriften zu veröffentlichen.

Wir untersuchen Selbstorganisation und Unternehmensdemokratie in kleinen und mittelständischen Unternehmen. Auf der Basis der erwähnten Einzelinterviews erkunden wir Aspekte der vorhandenen Organisationskultur sowie Strukturen und Prozesse. Dabei geht es um vielfältige Themen, wie den Stand der Selbstorganisation, das Entscheidungsdesign, die Fehler- und Konfliktkultur sowie Nachhaltigkeit und Gemeinwohl. Derzeit sind wir im fortgeschrittenen Auswertungsprozess von 48 Einzelinterviews. Weitere sechs Follow-up Interviews sind mittlerweile fast abgeschlossen. Somit umfasst unser Datensatz aktuell 54 Interviews á ca. eine Stunde.

Rebecca Rühle
Rebecca Ruehle

Methode & Datenanalyse: In unserem Projekt arbeiten wir mit der „Grounded Theory“ sowie der „Gioia Methode“. Die Grounded Theory (Strauss & Corbin 1990) ist eine Methodologie der qualitativen Sozialforschung mit dem Ziel der praxisrelevanten Theoriebildung. Es sollen keine subjektiven Perspektiven rekonstruiert, sondern vielmehr soziale Phänomene herausgearbeitet werden. Die transkribierten und anonymisierten Interviewmitschnitte werden von uns mit Hilfe von “atlas.ti”, einem der etabliertesten Computer-Programme zur qualitativen Textanalyse, doppelt und in mehreren Levels kodiert und analysiert (second level coding). Da die Grounded Theory, so wie ich sie selbst auch in meiner Dissertation verwendete, immer wieder kritisiert wurde, entwickelte der US amerikanische Wirtschaftswissenschaftler Dennis Gioia die nach ihm benannte Methode (Gioia et al. 2013). Sie setzt bei der Grounded Theory an, fügt aber weitere Analyse und Interpretationsschritte hinzu, so dass es mit dem Vorgehen nach Gioia besser möglich ist, dynamische Prozesse zu erfassen, als mit der Grounded Theory alleine. 

Team: Das Projekt wird von Christian Kroll (Universität Mannheim & Wittenberg-Zentrum für Globale Ethik), Assistent-Prof. Dr. Rebecca C. Ruehle (Vrije Universiteit Amsterdam) und Dr. Andreas Zeuch durchgeführt.

Ausblick

Aufgrund der tiefgreifenden Einsichten, die sich schon jetzt durch die Datenanalyse abzeichnen, sind wir zuversichtlich, dass wir mehrere wissenschaftliche Publikationen in internationalen Fachzeitschriften veröffentlichen können. Eine erste Publikation soll 2024 erscheinen. Damit wollen wir der Ernsthaftigkeit unseres Vorhabens gerecht werden und über einen einfachen selbst publizierten Studienbericht, wie bei unserer ersten explorativen Studie “Unternehmensdemokratie zwischen Utopie und Wirklichkeit“, hinausgehen.

Wir ziehen in Erwägung, nach erfolgreichem Abschluss der ersten Projektphase, den Datensatz noch mehr zu erweitern und zu vertiefen. Grundsätzlich haben wir bislang den Eindruck, dass alleine das vorhandene Material reichhaltig ist und weitere Datenerhebungen auf der Basis einer erarbeiteten Theoriebildung lohnenswert sein könnten.

Herzliche Grüße

Andreas

 

Literatur

  • Gioia, D.; Corley, K.; Hamilton, A. (2013): Seeking Qualitative Rigor in Inductive Research: Notes on the Gioia Methodology. Organizational Research Methods 16(1): 15–31. https://doi.org/10.1177/1094428112452151
  • Strauss, A.; Corbin, J. (1990): Grounded Theory Research: Procedures, Canons and Evaluative Criteria. Zeitschrift für Soziologie, 19(6): 418–427

 

Bildnachweis

  • Beitragsbild: Mashup ©Andreas Zeuch, Mikrofonbild: ©Holger Elgaard, CC BY-SA 3.0
  • Kroll: ©Michel Winter
  • Ruehle: ©Thomas Klitzsch

 

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